Fantasy – ein
Menschenrecht. Gedanken über den Stellenwert der Phantastik
© Frank
Weinreich
Fantasy remains a Human
Right: we make in our measure.
(J.R.R. Tolkien: On Fairy Stories)
Fantasy ist ein Menschenrecht?
Und was soll dieser merkwürdige Satz besagen? Er stammt aus
der Feder des berühmtesten Fantasyautors. John Ronald Reuel
Tolkien, der Autor von Der Herr der Ringe schrieb ihn in
einen Aufsatz, der sich mit Sinn und Zweck von Fantasy
beschäftigt. Doch was bedeutet diese Aussage? Fantasy ist
ein bestimmtes Gebiet aus dem Reich der phantastischen
Literatur, Filme, Kunst und Spiele, das irgendwelche
Geschichten oder Bilder liefert, die von Magiern, Drachen
und Zauberern berichten. Ich werde die Fantasy gleich noch
definieren, aber jeder von Ihnen wird schon jetzt recht
genau wissen, was ich damit meine. Warum soll diese Fantasy
also ein Menschenrecht sein?
Das scheint auf den ersten Blick entweder banal oder eine
Übertreibung zu sein. Banal ist es, wenn ich damit nur
sagen wollte, dass phantastische Phantasien etwas sind, das
wir Menschen erschaffen können. Jedes Kind erfindet
Monster, Helden und Drachen und spielt damit und jeder weiß
das. Wenn ich aber auf dem Rechtsgedanken beharre und ihn
in die Nähe anderer Grundrechte stelle, wie dem auf
Unversehrtheit des Körpers oder dem in den USA geltenden
Grundrecht auf die Verfolgung des persönlichen Glückes
beispielsweise, so erscheint ein solches Recht auf Fantasy
grandios übertrieben. Oder vielleicht nicht? Was wäre, wenn
Fantasy – eine in Augen mancher Kritiker geistlose
Zeitverschwendung par excellence –, was wäre, wenn Fantasy
politisch und ethisch wirksam wäre?
I
Ich hüte mich, denke ich
zumindest, in diesem Zusammenhang vor Übertreibungen und
möchte betonen, dass Fantasy sicherlich zuerst einmal eine
Form von märchenhafter Unterhaltung durch Buch, Film und
Spiel darstellt. Aber das ist es nicht allein, und ich
denke, schon ein Blick auf populäre Fantasy – nehmen Sie
das Beispiel Harry Potter – zeigt, dass Fantasy
mehr sein kann und wohl auch mehr sein will. Denn es ist
einfach nicht denkbar, dass Joanne K. Rowling die vielen
moralischen Entscheidungen, vor die sie ihren Harry und die
anderen Protagonisten stellt, nicht auch einbaut, um eigene
Moralvorstellungen zu propagieren und in den Lesern den
Eindruck zu erwecken, dass das was Harry tut meist richtig
ist, und das was seine Gegner tun meist falsch ist. In den
Nebenhandlungen rund um das Zaubereiministerium ab dem
fünften Band wird sie dabei sogar explizit politisch.
Fantasy erzählt von Zauberei und anderen übernatürlichen
Dingen. Damit ist sie das Genre der unbegrenzten
Möglichkeiten, denn sobald eine Autorin oder ein Regisseur
das Übernatürliche einbauen, sind den Entwicklungen der
Handlung keine Grenzen mehr gesetzt. Ist Magie im Spiel, so
können ganze Universen gefährdet oder gerettet werden;
werden Seelen und das Leben nach dem Tode zu einem Faktum,
können Bedrohungen und Erlösungen ins Unendliche gesteigert
werden. Genau das ist in der Fantasy der Fall und deshalb
eignet sie sich auch zu entgrenzter Spekulation über alle
Belange der Existenz.
Was ich nämlich unter Fantasy verstehe, ist das Folgende.
Die eine, unumstrittene Definition von Fantasy gibt es
nicht. Stattdessen reichen die Definitionsversuche von
Fantasy ist, wo Fantasy drauf steht bis zu
hochverklausulierten psychologischen und
literaturwissenschaftlichen Näherungsversuchen. Als ich
2007 mein Buch Fantasy. Einführung
herausbrachte, wählte ich deshalb meine eigene
Definition von Fantasy, auf die sich mittlerweile eine
ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen stützen und die
ich auch heute zugrunde lege.
Fantasy kann man auf verschiedene Weisen zu fassen
versuchen, formal, inhaltlich, strukturell, und auf noch
andere Arten. Während die Literaturwissenschaft eher mit
formalen und strukturellen Punkten beginnen würde, beziehe
ich mich bei meiner Definition allein auf inhaltliche
Aspekte, und die dürften auch auf seiten des
Fantasypublikums wohl zunächst im Vordergrund stehen.
Fantasy – das sind doch Geschichten über Drachen, Zauberer,
übermenschlich starke Heldinnen und märchenhafte Welten?
Genau – zumindest in der klassischen Fantasy.
Die genannten Punkte haben eines gemeinsam, den Aspekt des
Übernatürlichen, dass das physikalisch nicht erklärbare in
den Geschichten eine mehr oder weniger selbstverständliche
Tatsache ist. Heldinnen und Helden in der Fantasy
beispielsweise – und das schließt tragische Heroen ebenso
wie scheiternde oder negative Heroen mit ein – haben
üblicherweise eine übernatürliche Begabung oder
Einschränkung. Sie sind Zauberer wie Harry Potter, besitzen
magische Schwerter oder Rüstungen oder sie werden auf
übernatürliche Weise behindert, wie der Hobbit Frodo in Der
Herr der Ringe mit dem bösen Ring geschlagen ist. Die
imaginären Welten, in denen Fantasy spielt, weisen in die
gleiche Richtung. Ob es nun eigene Welten, wie die
Rollenspielwelt Krynn aus der Drachenlanze oder
das Land Osten Ard bei Tad Williams, sind oder ob
es sich um imaginäre Bestandteile unserer Welt handelt, wie
die Zauberschule Hogwarts – in jedem Fall sind es
phantastische Welten und Plätze, weil das Übernatürliche in
ihnen zu Hause ist. Und die Magie, die in fast allen
Fantasyerzählungen anzutreffen ist, erzeugt den gleichen
Bruch mit der Realität wie es die übermenschliche Heldin
und die phantastische Welt taten.
Es handelt sich in allen drei
die Fantasy inhaltlich umschreibenden Elementen um die
Einführung beziehungsweise Nutzung des Phantastischen als
eines die Realität des weltlichen Publikums
überschreitenden Moments. Das unterscheidet sie
insbesondere von der gerne in einem Atemzug mit erwähnten
Science Fiction, ihrer literarischen Schwester aus dem
Bereich der „spekulativen Fiktion“ (Heinlein 1953, 1188).
Science Fiction muss aber, bei allen möglichen Ideen, im
Rahmen einer zumindest theoretischen wissenschaftlichen
Plausibilität bleiben. Dieser Beschränkung unterliegt die
Fantasy nicht. Science Fiction trifft unter Umständen
wildeste Annahmen über die Entwicklung der physischen
Realität, Fantasy jedoch macht Aussagen über die
metaphysische Realität. Das Übernatürliche ist immer Teil
und Thema einer Fantasyerzählung.
Das klingt bis hierhin allerdings wie eine Beschreibung der
alten Mythen und Sagen. Und in der Tat hat Fantasy viel mit
den alten Sagen und Mythen zu tun, denn schon die erzählten
vom Zauberhaften und waren in vielen Belangen nicht ganz
von dieser Welt, wenn sie beispielsweise vom griechischen
Olymp oder von Asgard berichteten, beides Wohnstätten von
Göttern, die nie auf irgendeiner irdischen Landkarte zu
entdecken waren. Microsofts Encarta definiert Fantasy denn
auch wenig aussagekräftig, aber illustrativ als „Sagen
nachempfundene Unterhaltungsliteratur“. Fantasy ist im
Vergleich zu Mythos, Sage und Märchen aber eine
vergleichsweise neue Kunstform, die im 19. Jahrhundert
entstanden ist. In ihren bekanntesten Formen, "High
Fantasy" und "Sword & Sorcery", existiert das Genre
sogar erst seit den Dreißiger Jahren des vorigen
Jahrhunderts, als J. R. R. Tolkien und Robert E. Howard
über Der Herr der Ringe beziehungsweise Conan
der Barbar schrieben (oder Eddison üder den Orouboros
schrieb oder, oder, oder - damals fing es richtig an).
Doch das Feld der Fantasy übersteigt diese beiden Klassiker
bei Weitem. Das Genre ist nicht auf Ritter-, Monster- und
Drachengeschichten beschränkt, die auf anderen Welten
spielen, wenn auch die Mehrheit der Geschichten diese
klassische Melange wählt. Aber Fantasy kann in unserer Welt
spielen wie bei Harry Potter oder Artemis
Fowl. Sie reichert unsere Welt dann eben nur um das
Zauberhafte an. Sie kann im Weltraum spielen und wie
Science Fiction aussehen, wenn man etwa an Star Wars denkt,
das eben nicht weit in der Zukunft, sondern bewusst in
einer weit, weit entfernten Galaxie spielt. Fantasy kann
aber auch völlig surrealistisch daherkommen und so fremd
wirken wie ein Bild von Salvador Dalí, beispielsweise im
Falle von David Lindsays Voyage to Arcturus. Und
sie lässt sich auch in ganz vielen Fällen kaum
klassifizieren und tritt mit Horror-, Krimi- und Science
Fiction-Elementen auf, etwa bei China Miéville. Fantasy
kann eigentlich überall unvermittelt auftauchen, und ihre
Erfinderinnen und Erfinder nutzen diese Freihit weidlich
aus. Ein Western bester John Wayne-Tradition mit Drachen
und Zauberern? Nichts ist unmöglich. Und damit haben weite
Teile der Fantasy wenig bis gar nichts mit dem klassischen
Mythen- und Sagenfundus zu tun.
Der Unterschied zwischen Fantasy auf der einen und Mythos
und Sage auf der anderen Seite ist aber noch profunder.
Mythen wurden nicht zur Unterhaltung erzählt, sondern
sollten die Welt erklären. Sie berichteten von Göttern,
Dämonen und Geistern, um mit Hilfe dieser Wesen Sinn und
Zweck der menschlichen Existenz darzustellen.
Vulkanausbrüche und Waldbrände waren dann eben von Göttern
verursacht worden, weil man die verärgert oder
vernachlässigt hatte. Der Mythos war wahr, man glaubte an
ihn. Ähnlich die Sage, die von den Gebrüdern Grimm als
„kunde von ereignissen der vergangenheit, welche einer
historischen beglaubigung entbehrt“ und als „naive
geschichtserzählung und überlieferung“ definiert wird
(Grimmsches Wörterbuch, Band 14, Spalte 1647). Der
Sagenerzähler lieferte also keinen wissenschaftlichen
Beweis für den trojanischen Krieg und die darin
involvierten Götter, aber er behauptete, dass es sich
wirklich so zugetragen habe. Mythos und Sage als Verwandte
und Vorläufer der Fantasy behaupteten also, von realen
Geschehnissen zu berichten.
Das aber tut Fantasy nicht. Fantasy ist Fiktion und kann
auch nur als Fiktion verstanden werden, anderes nimmt man
ihr in der modernen Welt, in der die Fantasy entstand,
nicht ab. Zwar müssen die Geschichten, um zu überzeugen,
inhaltlich konsistent sein und die Welten und Ereignisse,
von denen sie erzählen ernstnehmen. Sie müssen folgerichtig
sein und sich an die Gesetze halten, die Regisseurin und
Autor für die erfundene Welt aufstellten. Das nenne ich die
Ernsthaftigkeit der Fantasyerzählung, die selbst in
humorvoller Fantasy wie dem Scheibenwelt-Zyklus
oder Fosters Bannsänger-Geschichten vorhanden ist.
Reine Parodien, wie Barry Trotter oder Der
Herr der Augenringe, können auf die Ernsthaftigkeit
verzichten, echte Fantasy aber nicht. Im Gegensatz zu Sage
und Mythos erhebt sie aber keinen nach außen gerichteten
Anspruch auf Wahrhaftigkeit. Innerhalb der Geschichte wird
die Welt von einer Schildkröte getragen, aber Pratchett
geht nicht hin und sagt, dass es da draußen im Weltall
tatsächlich eine Welt gäbe, die auf dem Panzer einer
Schildkröte ruht. Fantasy, so könnte man auch sagen, ist
mythische Erzählung, an die niemand glaubt und nie jemand
geglaubt hat.
Was also die Fantasy ganz wesentlich immer ausmacht, sind
zwei Dinge: Übernatürliches als Faktum und das bewusste
Auftreten als Fiktion. Deshalb lautet meine Definition:
Fantasy ist ein künstlerisch-schriftstellerisches Genre,
dessen zentraler Inhalt die Annahme des faktischen
Vorhandenseins und Wirkens metaphysischer Kräfte oder Wesen
ist, und das als Fiktion auftritt, die als Fiktion auch
verstanden werden soll und muss.
II
Beides zusammen – vom
Übernatürlichen zu erzählen und Fiktion zu sein – führt
dann zu dem eingangs erwähnten Vorwurf der Belanglosigkeit.
Und zu der daran anschließenden Frage: Was soll der Unsinn
mit einem Menschenrecht zu tun haben? Eine Erzählung wie
Wem die Glocke schlägt von Hemingway, die behandelt
Politik, Leben, Tod und Liebe und dringt tief zum Wesen des
menschlichen Lebens und Zusammenlebens vor – was ist im
Vergleich dazu schon phantastische Literatur mit ihren
Drachen und Zauberern? Die Phantastik ist schlicht irreal,
in Form der Fantasy sogar prinzipiell unmöglich, denn Magie
und Dämonen gibt es nicht und kann es nie geben. Welche
Bedeutung kann Fantasy also schon haben? Dass ein Buch wie
Wem die Glocke schlägt verboten wird, das kann man sich gut
vorstellen. Dass ein Grundrecht formuliert werden kann, das
ein solches Verbot verhindert, das ist ebenso denkbar wie
wünschenswert. Doch braucht man das für Fantasy?
Ja, das braucht man auch für die Fantasy und andere
phantastische Literatur! Beispiel Science Fiction, Beispiel
1984 von George Orwell oder Schöne neue Welt von Aldous
Huxley. Beide Bücher berichten plastisch vom schrecklichen
Leben in zukünftigen totalitären Gesellschaften. Man kann
sich sofort vorstellen, dass und warum 1984 von den Nazis
verboten worden wäre. Die Qualität eines 1984 ist sicher
nicht in jedem schlachtenstrotzenden, modernen
Fantasyzyklus vertreten ... In manchen aber schon. Denn
phantastische Literatur ist gar nicht phantastisch,
zumindest nicht, wenn man den Geschichten unter die Haube
schaut.
Die Frage ist doch, wie phantastisch die ganzen
phantastischen Dinge überhaupt sind, die in der Fantasy
erzählt werden. Oder auch in der Science Fiction, im
Märchen, im sogenannten Horrorgenre. Selbst vordergründig
sind die phantastischen Dinge und Wesen doch recht
realistisch: Ein Pegasus? Das ist ein Pferd, dem die
Phantasie Vogelflügel angedichtet hat – irreal zwar, aber
doch nur eine Zusammensetzung aus stinknormalen Lebewesen.
Was ist ein magisches Geschoss? Das gleiche wie ein Pfeil
oder eine Pistolenkugel, nur nenne ich die Materie, aus der
das Geschoss besteht, Magie. Der böse Herrscher Sauron, der
die Welt auf immer ins Dunkel stürzen will – nicht viel
mehr als ein hypertrophierter Tyrann, wie es sie leider
unter Menschen immer wieder gibt.
Und das war nur der Blick auf die Oberfläche. Denkt man
etwas weiter, so wird klar: All die Drachen, Götter und
Dämonen, alle bösen Wölfe, Zombies, Raumschiffe und
Todessterne, alle Heiligen und alle Teufel sind doch
eigentlich nichts anderes als Facetten des Menschlichen.
All diese Dinge und Wesen übersteigen den Menschen in
seinen Möglichkeiten Richtung Gut oder Böse um ein
Vielfaches, aber der Bezugspunkt ist immer der Mensch. Und
wie sollte es auch anders sein, denn die Phantastik wird
von Menschen ersonnen. Fantasy ist phantasievoll bis weit
ins Irreale hinein, aber nur, um uns damit etwas über uns
selbst mitzuteilen. Nirgendwo ist das besser ausgedrückt
als in einem grundlegenden Aufsatz der Fantasy- und Science
Fiction-Autorin Ursula Le Guin, die einmal gesagt hat:
„Realismus ist vielleicht die am wenigsten angemessene
Form, um die unglaublichen Umstände unserer realen Existenz
zu porträtieren. Ein Wissenschaftler, der in seinem Labor
ein Monster erschafft, ein Bibliothekar in der Bibliothek
von Babel, ein Zauberer, der beim Sprechen eines
Zauberspruches versagt, ein Raumschiff, das auf seinem Weg
nach Alpha Centauri verschollen geht – all diese Dinge sind
präzise und fundamentale Metaphern für die menschliche
Existenzweise. Der phantastische Erzähler, ob er nun
Archetypen aus den Mythen oder die jüngeren Archetypen aus
Wissenschaft und Technik zitiert, spricht nicht weniger
ernsthaft als jeder Soziologe – und manchmal sehr viel
deutlicher. Phantastische Literatur dreht sich um das
menschliche Leben; darum wie es gelebt wird, wie es gelebt
werden könnte, wie es gelebt werden sollte.“ (Le Guin 1979,
58).
Die Phantastik, die Fantasy – sie sprechen also über das
Leben, „wie es gelebt werden sollte“ und das in klareren
Worten „und nicht weniger ernsthaft als jeder Soziologe“.
Oder Politologe ... oder Philosoph. Ist das so? Wenn das so
ist, dann mischt sich Fantasy eben doch in soziale und
politische Belange ein.
Ich erwähnte Harry Potter und das
Zaubereiministerium. Dolores Umbridge, die in Band 7 als
Unterstaatssekretärin im Ministerium arbeitet, deportiert
menschengeborene Zauberer ins Zauberergefängnis nach
Askaban, das dann nicht umsonst Ähnlichkeit mit einem
Konzentrationslager hat. Sie ist böse, durch und durch böse
– und das ist ein vielleicht plumper, aber klarer Kommentar
Rowlings zum Thema Rassismus. Doch die Wirkung von Fantasy
kann über bloße Appelle an die Leserschaft weit
hinausgehen. Tolkiens Der Herr der Ringe wurde in
der früheren Sowjetunion als Befreiungsliteratur
verstanden. Der Kampf der Hobbits gegen das übermächtige
Böse wurde als hoffnungsfrohe Botschaft zum Durchhalten
gegen die übermächtige Partei gelesen. Und dabei wurde die
Ringerzählung nicht einmal mit dieser programmatischen
Intention geschrieben.
Und Fantasy kann auch mehr als nur politische Einmischung.
Dennis McKiernan verpackt in jedem seiner, zugegebenermaßen
äußerst blutigen, Midgard-Romane ein grundlegendes
philosophisches Problem, das aus verschiedenen Perspektiven
beleuchtet wird. Der Fantasyzyklus Erdsee der
gerade zitierten Ursula Le Guin nimmt philosophische,
soziale und psychologische Fragestellungen auf. Da geht es
um Liebe, den Sinn des Lebens, das Verhältnis von
Rationalität und Emotion; die Themen werden im fiktionalen
Kleid nicht weniger ernsthaft behandelt als ein
entsprechender Dozent an der Universität das tun würde. Und
– das nur nebenbei – ihre Science Fiction ist
hochpolitisch.
Fantasy kann sich also durchaus einmischen und die
genannten Beispiele, die sich nahezu beliebig verlängern
ließen, zeigen, dass sie das auch tut. Mainstream-Fantasy,
die oft durch Anlehnung an Tolkiens Mittelerde, durch die
Konzentration auf Entwicklungsgeschichten und durch die
Erweiterung umsatzträchtiger Rollenspielsettings
gekennzeichnet ist, wird sich meist nicht einmischen. Aber
selbst die eher flache Fantasy ist Kind ihrer Zeit und
spiegelt gesellschaftliche Überzeugungen wider, die eben
heutzutage meistenteils Freiheit, Freundschaft, Toleranz
und verwandte Werte als die Eigenschaften der „guten
Heldinnen“ darstellen. Es könnte schlimmer sein, als das
ausgerechnet diese Werte salonfähig gehalten werden. Und wo
Fantasy tief schürft, da ist sie in der Lage, wirklich
wichtige Einsichten hervorzurufen. Und da sie diese
Eigenschaft hat, besitzt sie auch gesellschaftliche und
politische Relevanz, was ohne Umweg zu dem Gedanken an ein
Grundrecht zurückführt. Es ist also nicht sinnlos, ein
solches für die Fantasy und die Phantastik insgesamt
vorzuschlagen. Und dieses Thema ist nicht gerade neu ...
III
Im antiken Griechenland von vor
zweieinhalb tausend Jahren waren tragische und komische
Geschichten und Theaterstücke ein ganz wesentlicher Teil
des gesellschaftlichen Lebens. Diese Geschichten dienten
Unterhaltungs- ebenso wie Bildungszwecken und sie übten
auch politischen Einfluss aus. Die Stücke und Mythen
handelten meist von Göttern und Helden und deren Abenteuern
und entsprachen, wie schon angedeutet, weitestgehend dem,
was wir heute in der Fantasy sehen und lesen. Die antiken
Stoffe – nicht nur der Griechen, auch der Römer, Chinesen,
Wikinger und Indianer liefern nicht umsonst heute
tausendfach die Vorlagen von Fantasyromanen, -filmen und
entsprechenden Computerspielen wie Titan´s Quest
oder Age of Mythology. In Griechenland lässt sich
diese Erzähltradition über mindestens 400 Jahre nachweisen,
bevor der Philosoph Platon auftrat und in seinen ethischen
Lehren auf einmal behauptete, dass die phantastischen
Dichter und Maler in einem gut eingerichteten Staat keinen
Platz hätten (Politeia, 605b). Platon plädiert
dafür, die Dichter aus dem Lande hinauszuwerfen, und
berührt damit doch plötzlich einen Punkt, wo darüber
diskutiert werden muss, ob Fantasy ein Menschenrecht ist.
Platon nämlich wollte die seinerzeitige Variante der
Fantasy verbieten.
Warum wollte er sie verbieten? Den Grund fasste Christoph
Riedweg sehr schön zusammen, als er in der „Neuen Zürcher
Zeitung“ Platons Dichterschelte auf die moderne
Medienkritik bezog:
„Um Platons Motive zu verstehen, muss man sich in
Erinnerung rufen, dass in der klassischen griechischen
Polis die Dichtung in der Öffentlichkeit eine ungleich
wichtigere Rolle spielte. Im Grunde ist ihre Bedeutung am
ehesten mit derjenigen der Medien in der heutigen
Gesellschaft zu vergleichen. Belehrung, Unterhaltung,
gehobene (und auch weniger gehobene) Abspannung lieferte in
der antiken Gesellschaft in erster Linie die Dichtung in
ihren verschiedenen Formen und pragmatischen Kontexten, sei
es bei öffentlichen Festen mit ihren literarischen Agonen
[= Wettkämpfe] oder auch, in kleinerem Rahmen, auf
Symposien. Bereits im ersten Unterricht stand Dichtung im
Zentrum: An Homer lernte man Lesen und Schreiben“ (Riedweg
1999).
Das Buch Der Staat (Politeia), in dem die
Forderung nach der Vertreibung der Dichter und Maler
formuliert wird, ist kein Buch über die Kunst, sondern eine
der einflussreichsten Schriften der Ethik und der
politischen Theorie, die jemals verfasst wurde. Platons
zeichnet in ihm das Bild des idealen Menschen und der
idealen Gesellschaft. Und diese soll mit Kunst und
Schriftstellerei nur insoweit in Kontakt kommen, als dass
Kunst und Schriftstellerei programmatisch den Zielen des
Staates dienen: Unterhaltung, Ablenkung, Querdenken,
Innovationen – all das ist verboten, denn der ideale Staat
kann ja nicht mehr verbessert werden, nur gestört. Und
insofern ist die Forderung Platons schon eine immens
politische Forderung mit gewaltiger ethischer Schubkraft –
negativer Schubkraft wohlgemerkt. Und vor diesem
Hintergrund ist die Idee eines Menschenrechtes auf Fantasy
eben doch auch eine Forderung nach einem schützenswerten
Grundrecht, und zwar eine mit durchaus politischen
Anklängen. Außerdem zeigt sich vor diesem Hintergrund, dass
die Forderung nach Fantasy als Menschenrecht auch eine
aktuelle Forderung ist, denn das von Platon eingeforderte
Gegenteil – die Zensur der Dichter und Künstler – ist
eines, das auch heute wieder zur Diskussion steht. Immer
wieder gab und gibt es Menschen oder Gruppen, die glauben
sie wüssten, wie das ideale Leben aussieht, und die deshalb
oftmals geneigt scheinen, andere Ideen gar nicht erst
aussprechen zu lassen.
Dazu noch einmal Christoph Riedweg:
„Sobald man sich der außerordentlichen gesellschaftlichen
Relevanz von Dichtung bewusst wird, überrascht auch die
Intensität und Schärfe der Auseinandersetzung bei Platon
kaum mehr. Entsprechendes findet sich in der modernen
Debatte um die omnipräsenten Medien und ihren Einfluss
besonders auf Kinder und Jugendliche, aber auch auf die
Gesellschaft insgesamt. Wie viel Gewalt- und
pornographische Darstellungen etwa sind, zumal in
öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammen, zulässig? Zu
welchen Zeiten, wenn überhaupt, sollen sie ausgestrahlt
werden, um die Jugendlichen so weit wie möglich vor einer
falschen «Prägung» zu bewahren? Käme den Medien nicht
überhaupt die Aufgabe einer «moralischen
Sekundärsozialisation» nach der Primärsozialisation in
Familie und Schule zu (B. Debatin) - mit den entsprechenden
Konsequenzen für die Gestaltung der Programme? Solche und
ähnliche Fragen werden, in unterschiedlicher Lautstärke,
immer wieder gestellt“ (Riedweg 1999).
Und diesen Punkt kann man getrost aus der Schulpädagogik
herausheben, auf die Riedweg sich bezieht, und auf
gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge erweitern. Auch da
stellt sich die Frage danach, welche Medieninhalte opportun
sind. Zwar wird überheblich davon ausgegangen, dass ‚echte’
Erwachsene weniger des Schutzes vor Gewalt und Pornografie
bedürften, aber Feuilleton und Politik machen sich doch
reichlich Gedanken darüber, dass der Mensch seine Zeit
sinnlos verbringt, anstatt nach dem Guten und Schönen zu
streben. Popkulturphänomene wie die Fantasy zählen dann
meist zur Gruppe derjenigen Tätigkeiten, die als
Zeitverschwendung angesehen werden. Natürlich will niemand
heute mehr die Phantasten verbieten, aber in gewisser Weise
geächtet werden sie schon, wenn man ihre Erzeugnisse und
Ideen als belanglos oder als Spielerei abtut.
Und eine derartige Geringschätzung nimmt dann doch schnell
(gesellschafts-)politische Dimensionen an. Fantasy stürzt
sich begierig auf Mythen-, Sagen- und Märchenstoffe und
transformiert sie, sowohl um zu unterhalten als auch zur
Spekulation. Unterhaltsam sind diese Stoffe schon aus dem
Grund, dass sie sich in Tausenden von Jahren als Themen
bewährt haben. So viele Themen, die das Publikum bewegen,
gibt es ja gar nicht: Liebe, Hass, Freundschaft, Verrat,
Mut, Feigheit, Spannung, Abenteuer, Neugier – alles endlos
oft thematisiert, aber die überlieferten Stoffe haben
bewiesen, dass sie interessant sind. Also rein damit in die
Fantasy. Und zum Spekulieren, zur Frage „Was wäre wenn?“,
lädt die Fantasy wie kein zweitens Genre ein, denn sie
bietet unendliche Möglichkeiten, Fragen und Situationen
durchzuspielen. Da aber die Fantasy in erster Linie eine
Erscheinung der Moderne ist, einer Zeit, in der die weißen
Flecken des Nichtwissens ziemlich zusammengeschrumpft sind
und zumindest keinen Platz mehr für den Glauben an Zauberer
und Drachen lassen, ist sie nurmehr Spiel mit dem
Übernatürlichen. Doch auch das Spiel, oftmals gerade das
Spiel, vermag es, das Bewusstsein gewaltig zu erweitern und
den Blick auf die Dinge wie sie sind zu schärfen.
Wird nun die phantasievolle Spielerei als Zeitverschwendung
abgekanzelt, so amputiert man wichtige Teile der
menschlichen Gedankenwelt. Fantasy, so war ihr wichtigster
Autor, J. R. R. Tolkien überzeugt, hat wichtige
psychogygienische Funktionen. Das gedankliche Eintauchen in
phantastische Welten, sei es als Autor oder als Publikum,
trainiert nicht nur die Phantasie, sondern stellt nach
Tolkiens Meinung auch den Blick auf die Wirklichkeit wieder
scharf (recovery), schenkt Freiheiten (escape) und tröstet
(consolation; FS, 53-62). Fantasy, Tolkien nennt das damals
noch nicht unter diesem Namen bekannte Genre, „fairy
stories“ (was man nicht einfach mit „Märchen“ übersetzen
kann), hilft durch die phantastischen Welten, wieder
Staunen zu lernen, die Welt aus anderer Perspektive zu
betrachten und sie so besser erkennen und einschätzen zu
können, besonders in Bezug auf das, was wirklich wichtig
ist im Leben. Freiheiten, zumindest des Denkens erlangt man
durch die Fluchten, die Fantasy gestattet. Das sind
Fluchten aus der Realität, aber gerade nicht, um der
Realität in Traumwelten zu entkommen, sondern um
Alternativen zu dem, was ist, aufzuzeigen. Diese
Alternativen gestatten dann wieder den Perspektivwechsel
und können als Idee für eine andere, bessere Lebensführung
dienen. Die Fantasy tröstet, indem sie Hoffnung entfacht,
die in den neuen Perspektiven enthalten ist, auf die man
hingewiesen wurde.
Diesen persönlichen Einschätzungen Tolkiens kann ich mich
weitgehend anschließen. Vor allem denke ich, dass Fantasy
in der Tat neue Denkhorizonte zu öffnen vermag. Dass die
durchaus auch zu pessimistischen Schlüssen verleiten
können, steht dabei auf einem anderen Blatt. Aber erst
einmal ermöglicht dies Genre der unbegrenzten Möglichkeiten
alle denkbaren Aspekte in völliger Freiheit durchzuspielen.
Die Phantastik lädt ein zur Spekulation des noch nicht
möglichen und sogar zum spekulieren über das Unmögliche.
Was wäre wenn? und Wie würdest Du dich jetzt verhalten?
sind die Fragen, die bei der Lektüre phantastischer
Literatur immer mitschwingen und zum Nachdenken anregen.
Und das hat, bei aller konkreten Irrealität des
phantastischen Erlebnisses auch Auswirkungen auf das Denken
und dann auch das Handeln in der realen Welt. Dies Schlüsse
aber, die man in den Elfenwelten zieht, die mochte Platon
nicht dulden, weil er sie nicht kontrollieren konnte.
IV
Ich bemühe mich, wie gesagt,
das Thema „Fantasy – ein Menschenrecht“ nicht zu hoch zu
hängen. Es gibt sicherlich drängendere politische und
soziale Probleme regional, national und international, aber
Kultur ist ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft.
Kultur definiert zu einem nicht geringen Teil, wie eine
Gesellschaft sich verhält, ob sie offen oder verschlossen
ist, ob sie tolerant oder engstirnig ist und wie es um ihre
Entwicklungschancen bestellt ist. Und deshalb sollte man
die Rolle des Fantasygenres auch nicht zu klein reden.
Fantasy, das habe ich versucht zu zeigen, macht den Kopf
frei und eröffnet neue Perspektiven, das kann man nicht nur
bei Tolkien nachlesen, auch ein Krimiautor wie G. K.
Chesterton wusste das schon. Ein freier Kopf und frische
Gedanken sind aber eine Vorbedingung für die persönliche
wie die gesellschaftliche Entwicklung und Fantasy mit ihren
unbegrenzten Spekulationen kann genau diesen Raum öffnen,
den Entwicklungen brauchen, um eintreten zu können. Allen
Interessensgruppen aber, die Menschen lieber unter
Kontrolle und auf vorgegebenen Wegen halten wollen, ist
diese Art der unkontrollierbaren Spekulation ein Dorn im
Auge. Wir hatten gerade in Deutschland schon einmal eine
Regierung, die die Freiheit der Kunst beschnitt, und Bücher
und Bilder verbrannte, gerade weil sie zu freiem Nachdenken
animierten. Und es waren meist die phantasievollsten
Künstler und Werke, die zum Abschuss freigegeben wurden.
Auch Platon hatte sehr festgefügte Vorstellungen von dem,
was er als gesellschaftlich wünschenswert ansah und was
nicht. Damit in seinem idealen Staat ja niemand diese
festgefügten Bahnen verließ, wollte er die phantastischen
Dichter und Künstler verbannen, denn sie sind es, die auf
die Abzweigungen von den normierten Wegen hinweisen.
So strikt wie Platon wird das heute natürlich kaum jemand
vertreten, aber mehr oder weniger wohlwollende
Einschränkungen der Denkfreiheit gab und gibt es immer und
sogar potentielle Bücherverbrennungen sind oft
naheliegender als man im vermeintlich aufgeklärten Europa
glaubt. Und wenn es erst einmal so weit ist, dass verboten
wird, dann wird wahrscheinlich in aller Konsequenz auch
noch die flachste Fantasy verboten, weil sie von
freiheitlichen Gedanken und alternativen Sichtweisen ja
zumindest inspiriert ist. Und weil jeder Mensch diese
Inspirationen in den eigenen Träumen weiterspinnt und
ausweitet und dadurch selbst unkontrollierbarer wird. Wir
sollten uns ein bisschen Unkontrollierbarkeit aber
erhalten, und schon deshalb ist die Fantasy ein
Menschenrecht. Obwohl es sich bei Fantasy ‚nur’ um
Ersponnenes, Irreales, um Lügen, wenn auch durch Silber
gehaucht, handeln mag.
Platon sagt im Staat: „Den Regenten der Stadt also, wenn
überhaupt irgend jemandem, kommt es zu, zum Nutzen der
Stadt, die Unwahrheit zu sagen, kein anderer aber darf sich
damit befassen“ (Politeia 389b). Das ist zutiefst
despotisches Denken. Mit einer guten Portion Fantasy selbst
die Unwahrheit zu sagen, kann ganz hilfreich sein dagegen
...
Literatur:
Heinlein, Robert A.: Ray Guns and Rocket Ships. In: Library
Journal, Vol 78, (Juli) 1953. 1188 – 1189.
Le Guin, Ursula K.: The Language of the Night. Essays on
Fantasy and Science Fiction. Edited and with Introductions
by Susan Wood. New York: G.P. Putnam´s Sons 1979.
Platon: Sämtliche Dialoge. Hrsg. v. O. Apelt. Hamburg:
Meiner 1993.
Riedweg, Christoph: Medienkritik in der Antike. Platons
Ausgrenzung der Dichter aus dem Staat. In: Neue Zürcher
Zeitung, LITERATUR UND KUNST, v. 27.03.1999, Nr. 72, S. 77.
Weinreich, Frank: Fantasy. Einführung. Essen: Oldib. 2007.