Rohdaten der Gewaltstudie stehen zum Download bereit

Es zeigte sich, dass die Verfilmung gewalt- und actionhaltiger ist als das Buch, dass es aber Weitem nicht so unsäglich viel mehr Blut im Film zu sehen gibt als im Buch erzählt wird. Das ist interessant, weil Jackson oft vorgeworfen wird, dass er aus dem Herrn der Ringe eine reine Gewaltorgie gemacht habe. Ist aber gar nicht so.
Die unseren Ergebnissen zugrundeliegenden quantitativen Daten stehen jetzt hier auf polyoinos zum Download bereit. Unter diesem Link oder per Klick auf den Downloadbereich rechts finden Sie eine Excel-Tabelle mit den Rohdaten und einigen wenigen deskriptiven Basisergebnissen. Die Datei enthält die Zählung und inhaltliche Zuordung eines jeden Satzes des Buchs und jeder Szene der dreiteiligen Extended BluRay-Version. Sie ist also weniger zum Nachlesen der Ergebnisse gedacht - die als Aufsatz in Hither Shore 2014 erscheinen werden (evtl. vorher eine Zusammenfassung auch hier auf polyoinos) - als vielmehr für den eigenen wissenschaftlichen Gebrauch, zum Selberrechnen.
Mit den Rohdaten können Sie eigene Berechnungen anstellen, etwa zur Komposition von Film und Buch, indem Sie den Aufbau der Storyline oder den Einsatz von Spannungsbögen anhand kategorisierter Inhalte verfolgen oder für tausend andere Sachen. Sollten Sie das Material benutzen und irgendetwas mit Hilfe der Daten publizieren, so brauchen Sie dazu keine Erlaubnis einzuholen; aber eine Mail an mich wäre schön, denn ich bin auf jedes Ergebnis gespannt.
Die Datei ist nach etwas Einlesen wohl recht gut selbsterklärend, aber natürlich können Sie sich auch gerne an mich wenden, falls Sie irgendwo etwas nicht nachvollziehen können.
The raw data of Tobias Hock´s and my study "Splatter in Middle-earth", which scrutinized the amount of violent and non-violent content in "Lord of the Rings" and the movies Peter Jackson made of it are now available as Excel-sheet right here. Feel free to use it for your own studies but please let me know every result you may achieve on this basis.
Im Fluss der Geschichten - Gedanken über Kreativität und Adaption nach der Tolkien-Konferenz in Aachen 2013
Der Kosmos der Tolkien-Adaptionen ist so groß, dass es mir eine ganz besondere Freude war, von vielen kenntnisreichen Kolleginnen und Kollegen kundig hindurchgeführt zu werden. Musik, Rollenspiel in allen Facetten, Kino, Fanfiction, Hörspiel und die literarischen Nachfolger wurden behandelt ... und alles lief auf den gemeinsamen Nenner hinaus, dass alle auf der gleichen Reise sind, denselben Fluss befahren. Genau wie Tolkien.

(Foto einer Folie aus der Präsentation von Jay Johnstone)
Ein nettes Bonmot – ich weiß leider nicht mehr, wer es einwarf – nannte Tolkien einen „Multiplagiator“, da er schließlich zig Sagenkreise geplündert habe, um sein Legendarium zur Welt zu bringen. Das ist natürlich nicht mit abschreibenden Politikern zu vergleichen, sondern weist stattdessen darauf hin, dass kein Mensch eine Insel ist, und dass es sich eben einfach nicht unbeeinflusst erzählen lässt.
In Diskussionen weise ich in diesem Zusammenhang gerne auf einen Zeitgenossen Goethes hin, den Venezianer Carlo Gozzi, der sagte, dass es nur 36 Motive gäbe, die das Drama darstellten könne. Man mag sich über die genaue Anzahl trefflich streiten können, aber der Kern der Aussage ist völlig richtig, dass es nur eine überschaubare Anzahl von Themen gibt, für die sich der Mensch interessiert.
Das liegt, wie Sie wissen, natürlich daran, dass es nur eine überschaubare Anzahl von Themen gibt, die uns betreffen und eine noch geringere, die uns intellektuell und emotional mitreißen. Und im Bereich der Erzählungen, im Bereich der erfundenen Handlungen und Welten, ist das der alles überragende Grund, warum wir uns mit solchen ‚Lügen’ beschäftigen: Wir wollen gepackt und mitgerissen werden.
Es sind Geschichten von Liebe und Freundschaft, von Feindschaft und Hass, von Treue und Verrat, von Opferbereitschaft und Feigheit, von Unterdrückung und Rebellion, von Rettung und Verlust, von Verdammnis und Erlösung, vom Guten und vom Bösen, die das bewirken und die man sich in immer neuen Zusammenstellungen seit den Lagerfeuern der Frühzeit erzählt.
Einst, vor der Romantik ab dem ausgehenden achtzehnten Jahrhundert, waren es die Erzählung und ihr Inhalt, die im Mittelpunkt standen, und weniger ihre Urheber, auch wenn ein flotter altgriechischer oder frühneuzeitlicher Tragödien- und Komödienschreiber schon zum Star auf der Agora und im Theater aufsteigen konnte. Seine Geschichten fanden jedoch größere Beachtung als er, und das ist auch in Zeiten der Verehrung alter und neuer Dichtergrößen heute nicht so anders. Das hat Thomas Fornet-Ponse in seinem Vortrag zu recht schön hervorgehoben. Ehre wem Ehre gebührt: Aber die fruchtbare Auseinandersetzung findet mit dem Stoff statt, während andere Schwerpunkte oft nicht viel mehr als eitle Schaumschlägereien sind.
Topic first, möchte man sagen, und gerade in der Fantasy kann man einen großen Teil der Motive zwar auf Tolkien zurückführen, findet aber in ihm doch ‚nur’ den großen Kompilator, der Motive, die auf ihn übergegangen waren, neu verknüpfte. Was die ihn Adaptierenden also machen, ist nicht viel anders als das, was er tat. Auf der Konferenz in Jena wurden Untersuchungen vorgestellt, die sich genau damit befassten, was wir heute mit unserem Tolkien so alles anstellen.
Da inspiriert er Künstler wie den Briten Jay Johnstone, dessen Bilder diesen Blogbeitrag abrunden, zu eigenständigen Kunstwerken, die Tolkien zwar aufnehmen, ihn aber auch transformieren und neue wie alte Motive zu innovativem Ausdruck bringen, wenn orthodoxe Ikonographie plötzlich Anwendung auf den tolkienschen Mythos und den ihm unterliegenden Sagenkreis findet.

(Beren und Luthien; © Jay Johnstone)
Viele andere Tolkienbegeisterte erzählen oder spielen einfach nur nach, was Tolkien vorgab, und das ist genauso legitim wie die Transformation. Und mancher heutzutage Kreative greift schon in zweiter Generation auf Tolkieneskes zu, mischt es noch munterer als die Vorgänger mit anderem und so wird die Spur, die Tolkien im Fluss der Geschichten hinterlässt wieder dünner, sie verwässert durch Vermischung und bleibt dabei umso mehr der immer gleiche alte Fluss.
Ist das zu bedauern? Ich denke nicht. Tolkien wird der berühmte Tolkien bleiben, auch wenn seine Einflüsse immer breitere Schichten von Erzählern beeinflussen, die diesen Einfluss gar nicht mehr auf den Professor zurückführen, weil sie ihn vermittelt aufnahmen.
Er wird auf den ersten Blick vielleicht etwas verwischt werden, wenn machtvolle Adaptionen wie die Jackson-Verfilmung auf das unschuldige Buch zurückwirken, etwa, indem die Designs der Kostüm- und Setbildner zunehmend die Bilder von Mittelerde und seinen Völkern in unseren Köpfe bestimmen.
Beiträge seitens Tolkien adaptierender Menschen schaffen oftmals auch Verbindungen zwischen dem Original und den hinzugefügten Dingen, die ursprünglich gar nicht bestanden. Später werden diese Verbindungen dann aber als organisch wahrgenommen, so dass man glaubt, sie gehörten schon immer dazu. Tobias Escher hat das in seinem Vortrag sehr eindrücklich an dem Beispiel verdeutlicht, wie stark mittlerweile Folkmusik und Mittelerde zusammengehören (zusammen zu gehören scheinen?), ohne dass jene ursprünglich irgendetwas mit Mittelerde zu tun hatte.
Dadurch geht aber Tolkien doch nicht unter! Ein Blick zurück ins Buch führt uns immer wieder zuverlässig zu unserem Professor zurück. Ein paar Schritte, vielleicht auch mal eine kleine Wanderung den Fluss hinauf, Richtung Vergangenheit, bringt uns zuverlässig wieder zu jener machtvollen Stromschnelle J.R.R. Tolkien, die den Fluss immer stärker prägen wird als er von uns vielen kleinen Kiesel am Ufer geprägt wird, die nichtsdestotrotz den weitaus größeren Teil des Flusses bilden.
Dass des Professors Einflüsse nicht mehr so überdeutlich wahrzunehmen sind, dass manches, was seiner Kreativität geschuldet ist, aus Unkenntnis anderen zugeschrieben werden wird, dass er durch die Verwässerung ein wenig verblassen wird – das ist allenfalls ein bisschen schade, aber keine Katastrophe. Und es traf schon ganz andere.
Unser Aachener Gastgeber, der Shakespeare-Experte Professor Peter Wenzel, berichtete nach Anhören aller Vorträge, dass er bezüglich der Adaptionen Tolkiens starke Ähnlichkeiten zu der sehr viel älteren Adaptionsgeschichte Shakespeares sehe. Und viele, viele Ideen sowie manch geflügeltes Wort, das 400 Jahre später noch immer in aller Munde ist, ist für die Mehrheit der Menschen nicht mehr als Wort Shakespeares erkennbar. So what? Es sind die Ideen und die Geschichten, die weiterleben. Und diese haben – bei allem nötigen Respekt – den Vorrang vor ihren Erfindern.

(Beren und Huan auf der Jagd nach Carcharoth; © Jay Johnstone)
Denn diese Erfinder – selbst die genialischsten Wortschmiede unter ihnen – lebten doch auch nur von dem, was sie gehört oder gelesen haben. Sie sind auch nur ein Teil des Flusses, wenn sie auch besonders starke Stromschnellen unter all seinen Mäandern und Schlaufen darstellen, die den Flusslauf stärker prägen als die allermeisten anderen Erzählerinnen und Erzähler. Auch die Genies standen schon auf den Schultern derer, die vor ihnen kamen und es ihnen erst ermöglichten, auf nahezu perfekte Weise zu erzählen.
Die Romantik war Zeit ihres Wirkens auf der Suche nach dem Genius, von dem sie sich Befreiung aus dem Jammertal der Realität versprach. Meine vielleicht noch etwas vage und eventuell unzureichend durchdachte Vermutung ist, dass dieser Genius wir alle sind. Wir sind uns dann letztlich alle doch als biologische Einheiten wie auch als potenziell spirituelle Entitäten einfach zu ähnlich, um allzu große Unterschiede zwischen uns belegen zu können. Uns berührt allemal das Gleiche und deshalb erzählen wir uns das Gleiche, vertonen es oder bannen es auf Leinwand oder fixieren es in Skulptur.
Und das gilt ganz besonders da, wo wir Träume und Hoffnungen erleben und zu ihnen beitragen. Das muss nicht immer darin bestehen, dass Notenblätter beschrieben oder Schreibprogramme gefüttert werden. Stefanie Bauer berichtete uns davon, wie Rollenspieler durch ihr Spiel und kreatives Reenactment ebenfalls Zweitschöpfung betreiben.
Das ist – das hat Steffie nicht gesagt, also bezichtigen Sie bitte mich eventueller Übertreibung – exakt das Gleiche wie das, was Tolkien tat. Er tat es elaborierter und auch ästhetisch wirksamer als es den meisten von uns gegeben ist, aber was das kreative Moment an sich angeht, gibt es keine prinzipiellen Unterschiede zwischen dem unidentifizierbaren Jedermann und den großen Kreativen, die in der Schule gelehrt werden oder deren Werke auf Auktionen für Zigmillionen den Besitzer wechseln.
Eigentlich erzählen wir alle einander immer nur Geschichten. Auch wenn wir malen und musizieren. Auch wenn wir (rollen-)spielen. Selbst wenn wir allein sind (heute vielleicht vor dem Offline-Computerspiel, aber in gewisser Weise seit Jahrhunderten schon, wenn wir lesen) hören und erzählen wir Geschichten, weil wir dann selbst dann nicht allein sind, wenn wir allein sind.
Teil eines großen Flusses, der das menschliche Leben adaptiert ...

(Galadriel; © Jay Johnstone.
Alle Fotos zeigen Bilder von Jay Johnstone, die ich mit seiner freundlichen Genehmigung veröffentliche. Mehr zum Künstler finden Sie hier.)
Wortpate für "Phantastik"
Und wer bitte schön - das sei mir in aller Unbescheidenheit zu fragen erlaubt - wäre wohl geeigneter als ich, zum Paten für das Wort "Phantastik" zu werden? Es ist schließlich das Genre, das einen sehr großen Teil meines Lebens bestimmt und dem ich mich forschend, vortragend, schreibend und lektorierend seit Jahrzehnten widme.

Es ist eine schöne Sache, eine Wortpatenschaft zu übernehmen, und die Kosten dafür beginnen bei 19 Euro; eine sinnvolle einmalige Spende für ein gutes Projekt. Infos finden Sie unter dem Link auf die Wortpaten oben über dem Bild.
Vom Wert der Übertreibungen
Am eindeutigsten ist dies in der Science Fiction zu sehen. Wenn in der SF beispielsweise technische Möglichkeiten skizziert werden, indem eine Geschichte von einem Unsterblichkeitsserum berichtet, so wird anhand dieses mehr oder weniger abwegigen Beispiels beim Leser oder Zuschauer das nicht im Geringsten abwegige Nachdenken um den Sinn und Wert des Lebens und des Sterbens angestoßen.
Doch auch die Zuspitzungen der Fantasy bringen Dinge auf den Punkt, die im realen Leben von Bedeutung sind. Wenn etwa eine Fantasygeschichte ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass der Mensch eine unsterbliche Seele hat und diese ganz konkreten Gefahren ausgesetzt ist, so kann das Fragen im Bereich des Glaubens ebenso aufwerfen wie im Bereich der Psychologie und der persönlichen ethischen Einstellungen.

Die Bedeutung der Übertreibung in der Phantastik besteht nicht darin, von Todesstrahlen zu erzählen, die ganze Welten ausradieren können und auch nicht darin, von muskelbepackten Kämpfern zu berichten, die einen rasenden Stier mit der linken Hand niederringen. Der Sinn der Übertreibung besteht darin, Situationen zuzuspitzen wie sie in der Realität nicht vorkommen können und Spotlights zu entzünden, die Sachverhalte ausleuchten, um daraus Schlüsse ziehen zu können, die in der Realität Bedeutung annehmen.
Ich muss allerdings einräumen, dass man den obigen Absatz in der Tat vor allem einer ganzen Reihe von Regisseuren und Autoren ins Stammbuch schreiben sollte, die den Hokuspokus gedankenlos, nachäffend, phantasiearm, oberflächlich und um seiner selbst willen einsetzen.
Spotlights entzünden zu wollen, steht im Mittelpunkt der phantastischen Erzählung. Und dazu eignen sich Bücher, Filme oder auch Computerspiele aus dem Bereich der Phantastik besser als alle anderen Genres. In der Phantastik besteht nämlich die Möglichkeit, sich von den Vorgaben der realen Welt zu lösen und eigene Welten zu erschaffen. Welten, die genau so eingerichtet sind, wie es die Autoren für ihre Erzählzwecke haben möchten. Der britische Dichter W. H. Auden sagte über die Welten, die die Phantasten erschaffen: „Aus ihnen können wir alle Dinge verbannen, die wir nicht für heilig, wichtig oder zauberhaft halten“ (Auden 44, meine Übersetzung).
Natürlich müssen die Autorinnen und Autoren dabei in einem glaubwürdigen Rahmen bleiben, und das erreichen sie nur, wenn sie sich an Prinzipien der Logik, der Folgerichtigkeit und der Nachvollziehbarkeit orientieren, wie wir sie aus der Realität kennen. Für ihre Geschichten gilt allgemein, was ich schon zur Fantasy sagte: Innerhalb der Geschichten besteht ein Wahrheitsanspruch, die Geschichten müssen in sich stimmig sein. Dann aber stehen ihre Handlungen zwar außerhalb des vergleichsweise engen Rahmens den unsere Realität bietet, aber ihre phantastischen Metaphern, ihre irrealen Zuspitzungen stehen für Probleme und Erfahrungen, die wir aus der Realität kennen und leuchten diese aus. Und die Übertreibung bildet den Scheinwerfer, die Zuspitzung ist das Flutlicht, das unser Denken mit neuen Ideen überschwemmt …
Dieser kleine Text ist einem Vortrag entnommen, den ich morgen halte. In diesem Sinne, bis morgen Abend, Freitag, 2.3.2012, 18 Uhr, Buchhandlung Lehmkuhl in Witten, Marktstraße 5: Vortrag, Fantasy und andere Wolkenkuckucksheime
Vom Tod, eine Anthologie - Aufruf zum Schreiben
Friedhelm Schneidewind und ich legen einen neuen Kurzgeschichtensammelband in der Reihe "Edition Stein und Baum" auf. Das haben wir schon zwei Mal gemacht, und es sind wirklich schöne Bücher dabei herausgekommen. Das wird sicher auch dieses Mal der Fall sein. Machen Sie doch mit und senden Sie uns eine Geschichte ein.
Hier die nötigen Infos:
»Du bist der Rechte, du holst den Reichen wie den Armen
ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann sein.«
aus »Der Gevatter Tod«, ein Märchen der Brüder Grimm
VOM TOD
Um Liebe, Leidenschaft und Tod drehen sich viele der besten Werke in Literatur, Film, Musik und anderen Kunstformen. Und nicht selten taucht er oder sie in Person auf, in der Fantasy-Literatur beispielsweise bei Terry Pratchett, Cornelia Funke, Joanne K. Rowling und Fritz Leiber, in Kino und Fernsehen nicht erst im 1998 »Rendezvous mit Joe Black« und 1960 im DE FA-Film »Gevatter Tod« nach dem Märchen der Brüder Grimm, sondern auch schon in frühen Filmen und sogar in der Werbung.
Die Märchen und Sagen mit dem handelnden Tod als Person sind unzählbar, im Decamerone taucht er ebenso auf wie in vielen Kunstmärchen, in der Bildenden Kunst ist er spätestens seit den mittelalterlichen Totentänzen häufig dargestellt,
und er taucht in vielen Liedern auf wie etwa in »Der Tod und das Mädchen«.
VOM TOD als Person also sollen die Geschichten handeln, die wir suchen, für unsere Anthologie, die im Herbst 2012 erscheinen soll.

Ablauf:
Einsendung wenn möglich bisher unveröffentlichter Texte an den Verlag (s. u.) bis zum 30.03.2012 – Auswahl durch die Herausgeber Friedhelm Schneidewind und Frank Weinreich bis Ende Mai 2012 – Lektorat bis Ende Juli 2012 – Buchvorstellung Herbst 2012.
Bedingungen: Die Urheberrechte verbleiben bei den AutorInnen, der Verlag erwirbt das Recht des Abdrucks in der Anthologie. Honorar gibt es ab dem 1000. verkauften
Exemplar. AutorInnen können Bücher mit einem Rabatt von 30 % erwerben; sie verpflichten sich, mindestens 10 Exemplare abzunehmen.
Verlag der Villa Fledermaus
Verlag und Produktionsgesellschaft Helen Schneidewind – Villa Fledermaus
Sitz: Villa Fledermaus · A uf der Adt 14 · 66130 Saarbrücken
Schlossgasse 51 · 69502 Hemsbach (Deutschland/Germany)
Tel. 06201 4709292 · Fax 06201 4709293
www.villa-fledermaus.de · www.stein-und-baum.de
Neues Buch erschienen: Zwischen den Spiegeln
Dazu ist es uns gelungen, Freunde zusammenzutrommeln, die alle gerne - und mit Herzblut - dazu beigetragen haben, einen würdigen Sammelband auf die Beine zu stellen. Das ergab eine Autorenmischung von frischen jungen Autoren, wie Sebastian Kleinen, der hier seine erste Publikation vorlegt, bis zu alten und im Genre bestens bekannten Hasen, wie Helmut Pesch oder Thomas Honegger. Tüpfelchen auf dem i war der unschätzbare Beitrag von Anke Eissmann, die das Cover entworfen und jeden einzelnen Beitrag mit einem eigens gezeichneten Bild eingeleitet hat.
Natürlich können Sie von mir hier nichts anderes erwarten als einen Lobpreis des Buches, aber ich glaube, der ist berechtigt und weise deshalb mit nicht geringem Stolz auf den Band hin.
Worum es im Einzelnen geht? Das erfahren Sie in dem folgenden Auszug aus der Einleitung:
Frank Weinreich (ich weiß, der Esel nennt sich selbst zuerst, aber meiner ist nun mal der erste Beitrag in dem Buch ...) untersucht in Die Pole der Fantasy die Bandbreite des Genres Fantasy hinsichtlich ihrer Wirkung am Beispiel des von J.R.R. Tolkien ins Spiel gebrachten Begriffes der Verzauberung - enchantment (On Fairy Stories, OFS 14) -, die Genrewerke auszulösen vermögen. Er zeigt dabei eine Entwicklung der Fantasy auf, die sich von Tolkiens Prinzip der Verzauberung entfernt und stattdessen einen zunehmend realistischen Ansatz verfolgt, der seinen derzeitigen Höhepunkt in den Büchern Joe Abercrombies findet, dem es auf die Verzauberung seiner Leser überhaupt nicht mehr anzukommen scheint. Da aber Fantasy eine spielerische Suche darstellt, die Bedürfnisse des Menschen nach Sinn und einer höheren Ordnung zu befriedigen, droht das Genre auf diesem Wege, seinen ursprünglichen Charakter grundlegend zu wandeln. Dass dies trotz aller Weiterentwicklung und Modernisierung von Erzählweisen und -themen nicht zwangsläufig so sein muss, und dass Fantasy ihre Leserinnen und Leser weiterhin in zauberhafte Reiche zu entführen vermag, zeigt Weinreich abschließend am Beispiel der Werke Andrzej Sapkowskis und seines Geralt-Zyklusses auf.
Anja Stürzer zieht in Wormtongue und Wormtail einen Vergleich zwischen Tolkiens Lord of the Rings und Joanne K. Rowlings Harry Potter. Obwohl Rowling einen wesentlichen Einfluss Tolkiens auf die Bücher ihres Zauberschülers bestreitet, gelingt es Stürzer, manche Parallele als offensichtlich ins rechte Licht zu rücken und andere, erstaunlichere Parallelen vor Augen zu führen, die doch eine engere Verwandtschaft zwischen diesen beiden Fantasy-Highlights nahelegen, als dies der erste Blick auf die beiden Bücher vermuten lässt. Dabei beschränkt die Autorin sich nicht auf eine mehr oder weniger ergiebige Aufzählung inhaltlicher Details, sondern lässt Strukturelemente, Erzähltechniken, Figurenkonstellationen, die unterliegenden Ethiken und den mythologischen Hintergrund in den Vergleich einfließen, sodass neben einer bloßen Gegenüberstellung auch weitergehende Analysen für beide Werke vorgenommen werden.
Im Blickfeld von Julian Eilmanns Aufsatz steht Tolkiens Die Kinder Húrins, eine Erzählung, die bei manchen Lesern den Eindruck erweckt, dass es sich hierbei um ein „tragisches“ Werk handelt. Diesen Leseeindruck greift Julian Eilmann in seiner Studie auf und geht der Frage nach, inwiefern die Geschichte Túrin Turambars tatsächlich als eine Tragödie im Sinne der aristotelischen Tragödientheorie verstanden werden kann. Durch einen genauen Vergleich zwischen den von Aristoteles beschriebenen Wesensmerkmalen der Tragödie und Tolkiens Erzählung wird dabei deutlich, wie die tragische Wirkung der Túrin-Geschichte im Detail zustande kommt und was den besonderen Reiz der Erzählung ausmacht.
Drachen stellen eines der bekanntesten Wesen der Phantastik dar und sind deshalb immer wieder in zahlreichen mythologischen Texten und Werken der phantastischen Literatur präsent. Nicht zuletzt Tolkien hat den Drachen in den Gestalten Smaugs oder Chrysophylax´ ein literarisches Denkmal gesetzt. Professor Thomas Honegger, Gründer und wissenschaftlicher Leiter von Walking Tree Publishers, macht in seinem Aufsatz deutlich, warum der Drache die Menschen seit jeher fasziniert und warum dieses Ungeheuer auch im 21. Jahrhundert immer wieder in Erscheinung tritt – und sei es nur in der Spielwarenabteilung der Kaufhäuser. Honeggers Untersuchung schärft somit unseren Blick dafür, welche Veränderungen das Drachenbild in der Literatur und Kultur historisch durchlaufen hat und welche Vorstellungen vom Fabelwesen Drache bis heute präsent und damit wirkungsmächtig sind.
Friedhelm Schneidewinds Begeisterung für die Musik in Tolkiens Werk teilt er mit Heidi Steimel, mit der zusammen er einen lesenswerten Sammelband zur Musik in Mittelerde herausgegeben hat. Für den vorliegenden Band hat sich Heidi Steimel die Mühe gemacht, ein Lexikon mit den wichtigsten Personen, Orten, Instrumenten und Begriffen, die im Zusammenhang mit der Mittelerde-Musik stehen, zusammenzustellen. Für den geneigten Leser mag dieses Kompendium ein kundiger Führer dabei sein, den Spuren der Musik in Tolkiens Werk genauer zu folgen.
Dr. Oliver Bidlo widmet sich in seinem Beitrag Tolkien und der Jugendstil der Frage, wie Tolkien die Kunst des Zeichnens in seine Arbeit hat einfließen lassen. Tolkien hat nicht nur geschrieben, sondern oft zuerst eine Szene, Situation oder eine Figur gezeichnet, bevor er begann, über sie zu schreiben. Bidlo zeigt auf, wie unterschiedlich der Jugendstil Eingang in Tolkiens Denken gefunden hat. So geht der Einfluss des Jugendstils über die Ausgestaltung einzelner (z. B. elbischer) Artefakte (Schmuck, Architektur u. a.) in Mittelerde hinaus. Als Urquelle für die Bedeutung des Jugendstils bei Tolkien wird im Beitrag die Geistesströmung der Romantik identifiziert, als deren Anhänger Tolkien ausgewiesen wird.
Runen spielen in Mittelerde eine vielfältige Rolle. Umso interessanter ist es, dass es bisher kaum eine fundierte Auseinandersetzung mit diesen besonderen Zeichen gibt und sie meist im Schatten der elbischen Schrift und Sprache stehen. Sebastian Kleinen gibt in seinem Beitrag Einführung in die Runenkunde von Mittelerde einen profunden Überblick über die vielschichtigen Runenschriften in Tolkiens Werk. Im Gegensatz zu den anderen Schriften in Mittelerde hat Tolkien die Runen nicht selbst erfunden, sondern rekurriert auf germanische und angelsächsische Runenreihen, die er teilweise übernimmt oder ableitet. Daher ist die Beschäftigung mit den Runen in Mittelerde zugleich auch eine Beschäftigung mit ihrer real-historischen Bedeutung und ihrer entsprechenden Geschichte.
In Iluvatar, steh uns bei! untersucht Stefan Servos, der Gründer und Chef von herr-der-ringe-film.de, das Thema Religion aus laientheologischer Sicht – ein hochinteressanter Ansatz, der einen neuen Aspekt in den Blätterwald von (in der Regel fach-)theologisch ausgerichteten Untersuchungen der Mittelerdedichtung darstellt. Seit längerem wird diskutiert, dass es merkwürdig ist, dass der überzeugte Katholik eine Welt und Gesellschaftsformen geschaffen hat, die von einem auffälligen Fehlen religiöser Elemente – etwa offener Gottesverehrung, Kulthandlungen, Tempel oder Kirchen – gekennzeichnet ist, während der Autor Mittelerde doch als eine Welt natürlicher Religion (Letters 220) und fairy-stories, worunter natürlich auch Der Herr der Ringe fällt, als biblisch inspiriert bezeichnete (OFS 62-66). Eng am Text arbeitend, stellt Servos die erstaunlich vielfältigen und plötzlich offensichtlich erscheinenden Stellen heraus, die eben diese natürliche Religion und die Verbindung zur christlichen Weltsicht zeigen. Dabei wird auch klar, dass Tolkien mit dem polytheistischen Einfluss der Mythen, die er so sehr liebte und mit einfließen lassen wollte, kämpfte und dass deshalb Der Herr der Ringe ein mehrschichtiges Bild auch in Fragen religiöser Konnotationen zeigt.
Wie kommt das Böse in die Welt? Und zwar in die Welt Mittelerde J.R.R. Tolkiens. Diese Frage stellt der bekannte Fantasy-Experte Dr. Helmut Pesch in Die Wurzel des Bösen und sucht wie Tolkien selbst bei dem mittelalterlichen englischen Dichter Geoffrey Chaucer, der die Habgier - cupiditas oder possessiveness, eine der Kardinalsünden - als den Quell des Bösen in unserer realen Welt ausmacht. Pesch zeigt, dass die Verurteilung der Habgier Tolkiens Werk durchzieht, auch außerhalb von Der Herr der Ringe, betrachtet sie dann aber höchst differenziert und zeigt auf, dass sie in verschiedenen Formen auftritt und mit Ambivalenzen einhergeht, die zeigen, dass sich die Wurzel des Bösen doch nicht so einfach identifizieren lässt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Wieder zeigt sich, dass der schnelle schwarz-weiße Pinselstrich dem Werk des Professors nicht gerecht wird.
Nicht nur die analytische Auseinandersetzung mit der Phantastik als Thema findet sich in diesem Band, sondern auch eine künstlerische Herangehensweise. Diese verdanken wir der wohl bekanntesten deutschen Tolkienillustratorin, Anke Eissmann. Die Künstlerin hat nicht nur jeden Aufsatz mit einer stilvollen Illustration bereichert, sondern auch das Titelbild und den Umschlag des Bandes entworfen und gestaltet. Hierbei hat sich Anke Eissmann von einem imaginären Schreibtisch Schneidewinds inspirieren lassen, der die oben angesprochenen Themen reflektiert.

Auch Spiegel reflektieren etwas – so wie das Werk Schneidewinds und die Aufsätze dieses Buches. Aber das, was gespiegelt wird, ist mehr und anders, als der oberflächliche erste Eindruck nahelegt. So wie Alice ins Wunderland, wandern auch wir zwischen den Spiegeln durch die Gefilde der Phantastik und gelangen zu neuen Perspektiven und Reflexionen auf vermeintlich Bekanntes. Die Funde dieser Wanderung wollen präsentiert werden. Ein besonderer Dank geht deshalb an Dirk Bartholomä, den Veranstalter der RingCon und unzähliger anderer phantastischer Events, der auch fernab des Mainstreams uns so genannten intellectuals eine Plattform für die Vorstellung und Diskussion unserer Arbeit bietet.
So weit zu dem Buch. Wenn Sie Fragen dazu haben - immer her damit. Und sonst wünschen wir uns natürlich, dass Sie sich das Buch anschaffen. Es ist normal über den Buchhandel, Onlinehändler oder direkt beim Verlag, www.oldib-verlag.de, erhältlich.
Lecture: Fantasy - Definition, History, Characteristics and Meaning
The talk is a condensed version of thoughts and insights I have published about Fantasy scattered over various articles and books over the last ten years. So if you have been reading the respective articles on polyoinos, you won´t find very much new stuff. But you will find my arguments neatly lined up and get a good impression of what fantasy is about, so I hope you won´t find it a waste of time to look up this (alas, not so short, ~ 8.500 words) article, even if you are familiar with what is published on my site.
Hope you enjoy: Fantasy - Definition, History, Characteristics and Meaning
Neuer Artikel über Genres
Von den fünf kürzlich entstandenen Schriften kann ich Ihnen hier auf polyoinos erst einmal nur eine anbieten, denn die Kurzgeschichte hat noch ein ungeklärtes Rechteproblem und drei der vier Vorträge sind für die Veröffentlichung andernorts reserviert. Doch die Genrebetrachtungen kommen hier zu stehen, und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sie lesen und eventuell sogar einen Kommentar hinterließen.
Je mehr ich mich mit den Genres der phantastischen Literatur befasse und mit Kolleginnen und Kollegen austausche, desto stärker wird mir klar, wie fragil der Genrebegriff ist, wie fließend alle Grenzen sind. Und dass man doch nicht auf Genres verzichten kann. Nicht nur wegen des Buchmarketings, für die Genres lebenswichtig sind, sondern auch für die literarische Diskussion. Nur, so finde ich, sollte man die Genres ganz entspannt sehen, weil die Klassifikationsmöglichkeiten eben starken Einschränkungen unterliegen, derer man sich im Gespräch bewusst sein sollte.
Das habe ich mal in einem Gedankengang zusammengefasst und auf dem letzten Elbenwaldspektakel vorgetragen. Die Publikumsresonanz bestärkte mich darin, dass die Ideen wohl ganz brauchbar sind, aber lesen Sie doch bitte selbst: Fantasy, Science Fiction, Horror - Gedanken über die Aussagekraft von Genreeinteilungen in der phantastischen Literatur.
Die wichtigsten Literaten Deutschlands ...
Der Focus hat eine Studie auf die Beine gestellt, um die wichtigsten deutschen Prosa-Autoren zu ermitteln. Auf den ersten zehn Plätzen der wichtigsten Autorinnen und Autoren steht mit Cornelia Funke auf Platz 4 nur eine ausgewiesene Phantastikautorin, und auch im Weiteren taucht niemand der üblichen Verdächtigen aus der phantastischen Szene mehr auf. (Gewinner? Grass auf eins, Walser auf zwei usw.)
Grundlage der Rangliste ist eine Kombination von Verkaufszahlen, Berichterstattung in den Medien, eigenen Fernsehauftritten, Auszeichnungen, Empfehlungslisten und dem Google-News-Index. Da scheint es erst einmal schon erstaunlich, dass keine Phantasten unter den ersten 50 Plätzen zu finden sind. Doch auf den zweiten Blick zeigt sich dabei mehr als nur, dass Frau Heidenreich auch von den Bestsellerlisten keine Ahnung hat.
Erstens muss man die populärsten Listen, etwa die des Spiegel, relativieren, da dort nicht nach Nationalität unterschieden wird. Dann sind es zwar in Schüben auch Phantasten, die vorne mitmischen - etwa Joanne Rowling und Tolkien bei jedem neuen Film -, sonst aber überwiegen konstant Krimis und Thriller. Aber deren Autorinnen und Autoren sind meist keine Deutschen. Also stimmt es insgesamt (leider) sowieso nicht, dass die deutschen Verkaufslisten von deutschen Phantasten beherrscht werden.
Zweitens sind Medienpräsenz und Auszeichnungen Währungen, von denen Phantasten meist wenig profitieren, was an der Hypothek liegt, die die Phantastik als angebliches Schundgenre immer noch mit sich rumschleppt:
- Phantasten werden wenig ausgezeichnet? - Okay, das mag daran liegen, dass sie eben alle schlecht schreiben ...
- Phantasten werden nicht interviewt? - Klar, sie haben nichts zu sagen, denn sie schreiben nur über Wolkenkuckucksheime ...
Wenn Phantasten aber medial nicht so präsent sind, dann haben sie auch wenig Chancen über andere Listen und Indizes erfasst zu werden.

Also, wenn man sich mal so diese Phantastik betrachtet ...
Das relativiert den Eindruck der Unwichtigkeit der Phantasten denn doch. Dass nämlich sie alle so schlecht schreiben, ist Quatsch, wie der Verweis auf die jahrtausendelange Phantastiktradition der Geschichte schon beweist. (Elke Heidenreich mag Phantasten ja auch, sie müssen nur mindestens hundertfünfzig Jahre tot sein ... Goethe, Shakespeare, Aischylos ...)
Dass sie nichts zu sagen haben, widerlegt das gleiche Argument, denn Menschen würden Phantasten nicht seit Jahrtausenden zuhören, wenn sie irrelevante Themen drauf hätten: "Phantasten reden nicht weniger ernsthaft als jeder Soziologe - und sehr viel verständlicher - über das menschliche Leben" (Ursula Le Guin).
Nein, dass die mediale Aufmerksamkeit nicht in gleichem Maße da ist wie für die E-Literatur, hat mit Verständnis- und Akzeptanzfragen zu tun. Exzellente Akzeptanz und damit mediale Aufmerksamkeit wiederum bedingen andererseits auch einen großen Teil des Verkaufserfolges der E-Literatinnen und -literaten, die dann eben auch gekauft (wenn auch nicht unbedingt in gleichem Maße gelesen) werden. Deshalb kommt Markolf Hoffmann auch auf grundsätzlich weniger Verkaufszahlen als Martin Walser. Dass auch Markolf sein Handwerk perfekt beherrscht, kriegen dann vergleichsweise nur wenige Leser mit.
(Sie sagen, es gibt auch schlechte Phantasten? Natürlich! Wie überall sonst auch ...)
Aber Verkaufszahlen können sich natürlich immer auch ändern. Wenn Phantasten einen großen Verkaufserfolg haben, kann dieser, wie bei Rowling eben, auch alles, was in der E-Literatur gewohnt ist, weit überflügeln. Interessanter ist, was sich auf den Buchregalen in den Buchhandlungen tut.
Da stehen sehr viele verschiedene Phantasten und legen Zeugnis von einer lebendigen Szene ab. Nimmt man das Internet und seine Communities, die Gamer sowie die rege Offline-Szene dazu, so zeigt sich schon ein ganz anderes Bild des Genre-Erfolgs. Und wenn man diesen Leuten live oder in den Foren lauscht, so zeigt sich auch, dass die Bedeutung der Phantastik eher in Richtung Le Guins Ansichten als in die von Frau Heidenreich geht.
Con-Geplauder lässt sich nun schlecht belegen, aber schauen Sie einfach mal in die seitenweise verlaufenden Threads rein, in denen diskutiert wird, was mit diesem oder jenem Umstand/Ereignis/Person gemeint ist, und welche Bedeutung das für die Geschichte hat und warum dies wiederum für das Leben der diskutierenden Leserinnen bedeutsam ist. Da läuft etwas ab in der Phantastik und zeigt, dass sie ein höchst aktiver Teil der Kultur ist.
Die Inhalte scheinen mir bei der Einschätzung des kulturellen Lebens denn auch interessanter als Personen. Brillant war und ist etwa Grass´ Danziger Trilogie, und sie ist auch zeitlos, wo sie über den Menschen und seine Situation nachsinnt. Aber heute werden ähnliche Fragen in anderen Worten und mit neuen Motiven durchdekliniert, und neue Autorinnen geben auch andere Antworten.
Vor diesem Hintergrund kommen mir Personenrankings der wichtigsten Literaten dann weit weniger relevant vor als die Diskussion der wichtigsten literarischen Themen und Motive. Und da würde man dann auch über die Phantastik reden müssen.
Warum es weder Handys noch Facebook bei Harry Potter gibt
In HP gibt es keine Handys. Niemand chattet und wenn man sich trifft - ob freundschaftlich oder in innig empfundener Feindschaft verbunden - dann trifft man sich immer und ausschließlich ganz altmodisch persönlich in den Gängen und Hallen des wunderbar verschrobenen Schlosses Hogwarts. Wie konnte sich Rowling das leisten, so an der Lebenswirklichkeit ihres Publikums vorbei zu schreiben?
Das lag nicht allein daran, dass sie eine 'alte' Frau ist, die von diesen neumodischen Dingen keine Ahnung hat, denn wenn sie so weit von ihrem Publikum entfernt wäre, dann hätte sie es nie so geschickt ansprechen können. Es lag vielmehr daran, dass diese neumodischen Dinge eben doch nicht so wichtig sind, wie die Technopessimisten gerne glauben wollen.

Die Essenzen sind essentiell (Myk Jung beim Tolkien-Reading-Day 2010)
Natürlich sind Facebook und Handy Sachen, die die Power-User auf keinen Fall missen wollen. Das nicht-missen-wollen geht so weit, dass es leicht als Sucht missverstanden werden kann. Aber letztlich sind das doch nur Kanäle und Mittler über die ein persönlicher Austausch stattfindet. Das Medium ist nicht die Botschaft - die Botschaft ist die Botschaft.
Und die Botschaft ist: ich mag dich; ich mag dich nicht; ich finde das hier toll; und das da doof. Das ist das Gleiche, was Rowling auch erzählt - nur leicht interessanter aufgemacht, aber mir fehlt gerade der Platz dafür. Rowling fokussiert auf das Interessante, alle Erzähler tun das.
Dann können das Handy und Facebook vorkommen, wenn sie denn eine Rolle in dem wichtigen Erzählten einnehmen (etwa in Daniel Suarez´ brillanten Büchern Daemon und Freedom (TM)). Aber sie müssen es nicht, auch dann nicht, wenn Jugendlichen Hochrelevantes über Jugendliche erzählt wird. Medien sind nicht notwendig ein essentieller Bestandteil der Lebenswelt. Die Essenzen sind essentiell, nicht die Kanäle, in denen sie fließen.
Notwendig sind die großen, berührenden Themen der conditio humana, und um die zu erzählen, muss sich niemand beim Publikum mit mehr oder weniger artifiziellen Versatzstücken aus dessen Alltag anbiedern. Deshalb gibt es keine Handys bei Harry Potter, keinen Chat in Susanne Gerdoms Elfenwelten und Christoph Hardebuschs Trolle bleiben (glücklicherweise) dabei, ihre Probleme auf Troll-Art und nicht mit Flamewars zu lösen.
Faszination Fantasy - eine große Anerkennung
In Faszination Fantasy beschreibt Ulrike Treusch das Faszinosum und die Funktionen von Fantasy. Dabei zitiert und übernimmt sie zunächst uneingeschränkt meine Definition von Fantasy (Fantasy ist demnach ein literarisches Genre, dessen zentraler Inhalt die Annahme des faktischen Vorhandenseins und Wirkens metaphysischer Kräfte oder Wesen ist, das als Fiktion auftritt, die als Fiktion auch verstanden werden soll und muss; s. auch hier).
Nach einer Beschreibung des Genres kommt sie dann über die Kritik an Fantasy zu den Funktionen und hebt dort besonders auf die Verbindung zum Mythos und auf das sinnstiftende Potential von Fantasy in einer sinnentleerten Welt ab. Dabei greift sie seitenweise auf mein Buch Fantasy. Einführung zurück und zitiert alle relevanten Passagen über den Mythos sowie meine Überzeugung, dass Fantasy ein Mythos mit Augenzwinkern ist, ein nicht geglaubter Mythos.
Noch stärker und besser als ich selbst das tue hebt sie dabei hervor, dass die Funktion von Fantasy vom Publikum abhängt, davon, was das Publikum in den einzelnen Genrewerken sucht und dann zu finden meint, wobei der fund überhuapt nichts mit dem zu tun haben muss, was der Autor oder Regisseur dort hineinsteckte. Das ist meines Erachtens eine sehr wichtige Beobachtung, die hilft, eine ganze Reihe von Kritikansätzen über die angeblich so verführerische Kraft der satanischen Fantasy in die Schranken zu weisen.
Die EZW ist eine ziemlich wichtige Zeitschrift, die sehr weit verbreitet ist unter Theologen, Philosophen und allen anderen Kulturwissenschaftlern. Ich freue mich sehr darüber, dass Fantasy. Einführung an derart prominenter Stelle so positiv (und letztlich werbewirksam) beachtet wird. Ich hatte ja schon vor einem Jahr bei der Gründungskonferenz der GFF den Eindruck, dass sich das Buch durchsetzt ... dieser Baustein verfestigt den Erfolg noch einmal in einer hocherfreulichen Weise.
Tolkien-Lese-Tag
Ich für mein Teil werde den Tag in Oberhausen, in der Buchhandlung von Lars Bauman - Zweitbuch, Dudelerstraße 17 - begehen und dort natürlich auch lesen.
Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, einen Abschnitt aus dem Kapitel "Über Hobbits" aus dem HdR und anschließend aus einem Brief an Houghton Mifflin zu lesen, den Tolkien 1955 schrieb, und in dem er eine ganze Reihe von Motiven anführt, die ihn dazu brachten, die Ringerzählung zu verfassen.
In "Über Hobbits" kann man nämlich sehen, welche Lebensweise der Professor schätzte. Wie er andernorts bekanntermaßen sagte, war er ja in allen Aspekten außer der Körpergröße selbst ein Hobbit, und das idyllische Landleben - friedlich, geordnet, frei von Hektik, erdverbunden - war seine Idealvorstellung einer angemessenen Lebensweise. Das mag langweilig und konservativ erscheinen, aber die Hobbits können zur Not ja auch anders und eine ganze Welt retten. So dürfte der Professor sich und seine ganz normalen Mitmenschen erträumt haben.
Diese Beobachtung ist für das, worauf ich heute hinauswill, entscheidend. Wenn ein Autor so unbedingt eine Geschichte erzählen will, wie Tolkien von Mittelerde erzählen wollte, dann gibt es enge Verbindungen zwischen Erzähler und Geschichte. Im Falle Tolkiens sind die vielfältig nachweisbar, und das genannte Lebensideal ist nur eine der Parallelen. Der eigentliche Punkt ist, dass die reale Lebenswelt in die phantastische Erzählung hineinreicht und zeigt, dass die Phantastik so phantastisch gar nicht ist.

Ab wann wird´s phantastisch?
In dem Brief an seinen amerikanischen Verlag nennt Tolkien mehrere solcher Parallelen. Zuerst die zu seiner Profession, der Sprachwissenschaft, wenn er sagt, dass er Mittelerde schuf, um den von ihm erfundenen Sprachen eine Heimat zu geben. Doch das ist nicht der einzige Grund und wäre auch ein wenig l´Art pour l´Art. Es ist aber auch eine stark christlich inspirierte Erzählung, es ist eine Geschichte über die Kraft der Schwachen im Angesicht der Tyrannei und es ist eine Geschichte über die Schönheit und Unbändigkeit der ungezähmten Natur, führt Tolkien in dem Brief weiter aus. Der Herr der Ringe enthält eine Vielzahl von "Kommentaren über die Welt", wie er es anderswo mal sagte.
Wenn das so ist, dann ist die phantastische Welt Mittelerde aber überhaupt nicht phantastisch. Dann ist sie eben das - ein Kommentar zur Welt, in der wir wirklich leben. Und wenn das auf Mittelerde zutrifft, dann gilt es für die Phantastik insgesamt - sie ist nicht phantastisch, sie handelt mit dem Mittel der Metapher vom realen Leben.
Es ist nicht einfach als spannende Unterhaltung gemeint, wenn in Star Trek eine Reihe von Folgen die Prime Directive behandelt, dass es der Föderation verboten ist, in die Geschicke weniger entwickelter Planeten einzugreifen und in diesen Folgen dann gezeigt wird, dass es manchmal mit Nichteinmischung einfach nicht getan ist. So ein Thema erzählt viel mehr über Srebrenica, Ruanda und heute Libyen und die Elfenbeinküste als von fernen Planeten.
Es ist auch kein Zufall, dass die High Fantasy in der Regel in vorindustrieller Zeit spielt. In Zeiten also, wo es mit Knöpfchendrücken nicht getan ist, sondern es auf die mentale Stärke von Individuen ankommt - nicht umsonst wird die Stärke von Magie in fast allen Geschichten von der persönlichen Stärke ihrer Nutzer abhängig gemacht. Das sind Träume, Überlegungen und Spekulationen über den Wert und Einfluss des Individuums, die wir im als ohnmächtig erlebten realen Leben stellvertretend ausleben wollen.
Nein, die Phantastik ist nicht phantastisch, sie berichtet auf ganz erhellende Weise von uns und unserem realen Leben. Oder glauben Sie, dass Goethes Gedicht vom Zauberlehrling, dem sein halbgares magisches Können über den Kopf wächst, irgendetwas anderes meint als einen Kommentar auf die menschliche Realität abzugeben? Dazu mehr im Frühsommer, wenn mein langer Artikel über dieses Thema im Tagungsband der GFF erscheint.
Aber erst einmal: Einen schönen Tolkien-Lese-Tag!
Phantastische Artikel gesucht

Beachten Sie bitte, dass die Zeitschrift ab 2011 immer wieder erscheinen wird, und dass Sie deshalb, wann immer Sie ein gutes Thema haben, dieses einreichen können.
Und haben Sie auch nicht zu hohen Respekt vor der Wissenschaft. Natürlich kann ein akademisches Journal nur Beiträge veröffentlichen, die wissenschaftlichen Standards entsprechen. Aber sooo hoch sind die gar nicht, und die paar formalen Anforderungen sind ein Klacks. Was zählt, sind Ihre Idee, Ihre These, Ihre Befunde.
Wenn Sie möchten, können Sie mich auch gerne kontaktieren und ich berate Sie unverbindlich (und natürlich kostenlos) zu Fragen einer Veröffentlichung in der ZFF.
Keine Angst (mehr!) vor Tzvetan Todorov
Man muss sich bei einer literaturwissenschaftlich orientierten Sichtweise auf die Phantastik in der Tat mit Todorov befassen, denn vor allem die Herangehensweise ist wichtig, um die literaturwissenschaftliche Diskussion zu verstehen. (Oder nein, muss man nicht unbedingt, Uwe Dursts Theorie der phantastischen Literatur, LitVerlag 2010, ist aktueller, umfangreicher und besser - aber genauso schwer zu verstehen.) Zum Glück kann man sich Todorov jetzt aber viel einfacher nähern, denn der Wissenschaftler und Journalist Simon Spiegel hat eine exzellente Einführung in Todorovs Werk geschrieben, das die Originallektüre zwar nicht ersetzt, aber sie auch für den Fachfremden so aufschlüsselt, dass man Todorov nun folgen und ihn angemessen im Theoriekanon verorten kann: Simon Spiegel: Theoretisch Phantastisch. Eine Einführung in Tzvetan Todorovs Theorie der phantastischen Literatur. Murnau: p.machinery 2010.
Dies behaupte ich auch auf die Gefahr hin, dass Todorov-Fans bzw. Vertreter der strukturalistischen Denkschule das ganz anders sehen mögen, denn Spiegel geht sehr kritisch mit Todorov um (Tzvetan Todorov: Einführung in die fantastische Literatur, Ullstein 1972; nur noch antiquarisch auf Deutsch erhältlich, aber problemlos in Englisch, Französisch zu erwerben). Vielleicht ist kritisch aber auch das falsche Wort, denn Spiegel zeigt die durchaus vorhandenen positiven, weil erkenntnisfördernden Seiten von Todorovs Theorie der Phantastik auf, und ordnet sie dann, methodisch sauber, in das Gesamtgefüge der möglichen Literaturbetrachtungen ein; eine Einordnung, bei der Todorov dann aber manche Feder lässt, denn Spiegel kann schlüssig zeigen, dass die Theorie der Phantastik einen ziemlich engen Geltungsbereich hat und ganz viele Fragen, die sich dem Publikum phantastischer Werke stellen, gar nicht beantworten kann (aber auch nicht beantworten will).
Todorov ist Strukturalist, was heißt, dass er sein Untersuchungsgebiet anhand struktureller Merkmale und gänzlich innerhalb des Untersuchungsgebiets verbleibend betrachtet: Es zählt das Buch/der Film als solcher, sonst nix. Die phantastische Literatur hat so besehen beispielsweise keinen Bezug zur Realität. Das ist etwas ganz anderes als das, was Sie etwa auf diesen Seiten lesen können - mich interessiert, in welchem Verhältnis zur Realität die Phantastik steht, und was man aus ihr lernen kann. Für den Strukturalisten gibt es auch keine gute oder schlechte Literatur, nur Literatur mit bestimmten Merkmalen - der Struktur -, die eine Zuordnung erlauben. Der Strukturalist enthält sich damit jeglicher Interpretation - was darin begründet ist, dass Interpretationen nicht objektivierbar sind, und damit einen nicht unproblematischen wissenschaftlichen Charakter haben. Das ist auch alles wissenschaftlich sehr sauber, wenn man es durchhalten kann.
Das kann man auch alles bei Todorov selbst lesen, aber es hilft ungemein, wie Spiegel das herausarbeitet. Und damit gleichzeitig herausarbeitet, dass selbst Todorov große Schwierigkeiten hat, dem hohen Anspruch gerecht zu werden. Dauernd kommt es nämlich doch zu Vergleichen oder Beziehungen von Literatur und Realität sowie zu wertenden Einlassungen. Das dürfte auch kaum zu vermeiden sein, denn - das steht so nicht bei Spiegel, aber ich empfinde es so - ein wirklich sortenreiner Strukturalismus, stellt nichts weiter als die Konstruktion von Schubladen dar. Schubladen aber eignen sich nur zum Verstauen von Dingen, wir wollen jedoch mit der Phantastik umgehen (lernen).
Was an der Phantastik interessiert, ist doch beispielsweise die alte Frage: Was will der Autor damit sagen/erreichen? Oder es geht darum, warum die Science Fiction in den Vierzigern und Fünfzigern boomte, warum sie in den Sechzigern und Siebzigern so kritisch wurde und wieso die Fantasy gerade jetzt ein Allzeithoch zu haben scheint. Oder eben, welche Bücher und Filme gut sind. Oder was die Faszination der Phantastik ausmacht. Das interessiert aber aus strukturalistischer Sicht alles nicht beziehungsweise es ist ein Tabu, denn hier wird es interpretatorisch, und interpretieren darf der Strukturalist nicht.
Nachdem Spiegel das sehr schön herausgearbeitet hat, kann er auch deutlich machen, was hinter den - na ja, ich sage mal eigenwillig -, was hinter den eigenwilligen Kategorien der Phantastik bei Todorov steckt. Die reine Phantastik macht Todorov ja beispielsweise daran fest, dass sie ein Schwebezustand sei, in dem unentscheidbar ist, ob Geschehnisse natürliche oder übernatürliche Ursachen haben. Eine so verstandene Phantastik trifft natürlich auf sehr enge Grenzen und hat insbesondere mit aktueller phantastischer Kunst nicht viel zu tun. Aber auch das arbeitet Spiegel sehr schön heraus, wenn er auf den eingeschränkten, von Todorov zugrundegelegten Kanon verweist, und dass die Gültigkeit von Todorovs Überlegungen in besonderem Maße zeit- und werkabhängig ist. (Was die Auswahl im Übrigen auch zu einer sehr subjektiven Angelegenheit macht; nee, dat wird vorne und hinten nix mit der Objektivität, Leute.)
Die größte Stärke für den interessierten Laien ist aber Spiegels Dechiffrierung der literaturwissenschaftlichen Sprechweisen und Codes von Todorov und einschlägigen anderen Autoren. In "Theoretisch Phantastisch" wird alles auf eine klare Sprache heruntergebrochen; eine Ausdrucksweise, die ich persönlich für die einzig wahre halte, während der sonstige Wissenschaftssprech, gerade in den Kulturwissenschaften, für mich mehr mit standesdünkelhaften Ausgrenzungsversuchen zu tun hat als mit den Erfordernissen einer schwierig zu umschreibenden Materie. Ein Beweis, dass das geht, ist Spiegels Buch. Das kann manchmal, gerade auf den ersten Seiten, wenn man sich noch hineinliest, ein bisschen herablassend wirken, ist aber keinesfalls so gemeint. Spiegel zeigt damit viel eher, dass er sein Publikum ernst nimmt und verstanden werden will. Für mich ist der Stil jedenfalls beispielhaft, und ich werde versuchen, mich selbst noch mehr in diese Richtung zu entwickeln.
Übrigens ist Theoretisch Phantastisch auch sehr schön ausgestattet, mit übersichtlichem Layout, hilfreichen Marginalien und dezenter Bebilderung. Besonders hervorzuheben sind die schönen Zeichnungen von molosovsky (etwa das Titelbild, s. u.), Porträts, in dem gleichen Stil, wie sie auch seine Website schmücken: molochronik.antville.org/.

In fremden Welten. Impressionen von der Gründungskonferenz der GFF
Aus dem Wunsch heraus, der Forschung über das Phantastische eine Organisation an die Seite zu stellen, und so alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen, nachhaltig zu vernetzen, ganz wie es die großen englischsprachigen Organisationen seit Jahrzehnten erfolgreich vorleben, entstand ein Verein, dessen erste Schritte in Hamburg an diesem Wochenende erwarten lassen, dass er dieser Aufgabe gerecht wird.

Na gut, es war schon eine Art Klassentreffen, denn man kennt sich ja. Aber um etwas zu bewegen, bedarf es eben doch für viele Aufgaben der Organisation.
Was meiner Meinung aber noch wichtiger ist, ist das zweite Ziel, das sich ohne institutionelle Anlaufstelle auch nicht effizient verwirklichen ließe – die Einbindung von Wissenschaft in die außerwissenschaftlichen phantastischen Diskurse von Urhebern und Publikum. Autorinnen und Fans waren aufgerufen, sich an der GFF zu beteiligen, und der Ruf wurde von beiden erhört.
Wie wichtig das war, zeigte sich bei der anregenden Schlussdiskussion, auf der Autoren und Vertreter von Fanorganisationen über ihre Arbeit und Wünsche aufklärten und der Wissenschaft darlegten, was sie auch noch tun kann, außer innerhalb des Elfenbeinturmes zu agieren. Als grenzgängerischer Autor/Lektor/Experte bin ich persönlich diesen Anliegen natürlich besonders zugeneigt, hatte aber den Eindruck, dass das allgemein als ganz wichtiger Punkt empfunden wurde. Die Verbindung zum Publikum und zu den Autoren (natürlich auch Regisseure, Designer, Musiker - zu allen Urhebern eben) ist wesentlicher Bestandteil des GFF und darf nicht aus den Augen verloren werden.
Inhaltlich war die Konferenz breit gefächert, aber trotzdem drängte sich mir durchgängig der Eindruck einer Zweiteilung innerhalb der wissenschaftlichen Interessen auf. Ganz salopp gesagt, bezeichne ich das mal als das unterschiedliche Erkenntnisinteresse an Struktur und Inhalt der Fantastik, das dann auch zu Reibungen und (wahrscheinlich vermeidbaren) Inkompatibilitäten führte. Jedenfalls scheint mir da im Augenblick noch eine vermittelnde Instanz zu fehlen, die Inhalt und Struktur zusammenbringt, vielleicht sogar zu konzertierten Forschungsvorhaben. Noch jedenfalls erstreckt sich die Inkompatibilität bis hin zu einer Unvereinbarkeit in der Terminologie.
Und nein – dies für diejenigen von Ihnen, die dabei waren – damit meine ich zwar auch, aber bei Weitem nicht nur den Disput zwischen Uwe Durst und mir (der sich im Übrigen im persönlichen Gespräch viel weniger scharf darstellte); diesen Eindruck empfand ich fast durchgängig, je nachdem in welchem Panel man gerade saß. Während die einen streng die Form untersuchten, machten sich die anderen – etwa äußerst launig Marleen Barr mit ihrer Beobachtung, dass man die New York Times nicht verstehen kann, wenn man nicht weiß, wer Spock und Darth Vader sind, dass man also die „language of science fiction“ beherrschen muss – über die Lebenswirklichkeit her und berichteten davon, wie die Phantastik diese beeinflusst.
Festgehalten werden muss dabei, wie ich finde, dass beide Aspekte ihre volle Berechtigung haben, was die Forscherinnen und Forscher dann auffordert, sich dem anderen Erkenntnisinteresse zumindest so weit aufgeschlossen zu zeigen, dass man anerkennt, dass es eine Daseinsberechtigung hat. Und vielleicht findet man ja doch auch noch auf Arbeitsebene zueinander – ich bin sicher, man würde sich gegenseitig befruchten.
Grundsätzlich sind die Inkompatibilitäten beider Betrachtungsweisen nämlich nicht, sondern vom jeweiligen Erkenntnisinteresse abhängig. Wenn ich also höre, dass in einer Diskussion, an der ich nicht teilnahm, gesagt wurde, mein Realismusbegriff sei „noch eindimensional“, dann verweise ich darauf, dass ich diese Eindimensionalität benötige, wenn ich das Verhältnis von fiktivem Inhalt und der nichtfiktionalen Lebenswelt untersuche und sie deshalb für diese Fragestellungen beibehalten werde. Bei der Betrachtung anderer Aspekte kann das anders aussehen.

("Lesender" - aus Anwyn - eine phantastische Reise)
Was ich zudem mit einem gewissen Erstaunen bemerkte, ist, dass man sich offenbar immer noch dafür entschuldigen muss, wenn man sich als Wissenschaftlerin ernsthaft mit Phantastik beschäftigt. Das korrespondiert dann mit der Aussage der Autoren, dass man weiterhin nicht als richtiger Schriftsteller anerkannt wird und mit dem Bericht der Fans, dass man sowieso aus der Spinnerecke komme. Da hätte ich gedacht, dass wir auch in Deutschland mittlerweile weiter wären.
Doch es wurde nicht nur berichtet, dass man sich rechtfertigen muss, auch der Duktus sehr vieler Vorträge war von dieser Haltung geprägt und kaum jemand kam ohne apologetische Anmerkungen aus, die insgesamt von einem zu Unrecht unterentwickelten Selbstbewusstsein sprachen. Das mache ich zwar auch oft, aber ich habe eben in den letzten Jahren öffentlich auch hauptsächlich entweder mit Fans zu tun, denen ich Munition zur Verteidigung ihrer phantastischen Leidenschaft an die Hand geben möchte, oder spreche andererseits vor Unbeteiligten oder Skeptikern, denen ich darlegen muss, welche Formen von Relevanz die Phantastik annehmen kann. (Lassen Sie sich bspw. mal einladen, vor Rotariern über Fantasy zu sprechen – man schaut sie an wie ein exotisches Tier, aber nach dem Vortrag haben Sie manches Auge geöffnet.)
"Amerika (und UK), Du hast es besser" – im englischsprachigen Raum scheint das längst nicht mehr so ein Problem zu sein. Warum nicht das gleiche Selbstbewusstsein hier? Brian Stableford jedenfalls forderte in seiner Keynote „the GFF should explore the possibilities and and not only defend the phantastic against its critics“. Genau!
Die Defensivität kann natürlich auch von einer gewissen Vereinzelung oder besser Insellage der heterogenen Gruppen, die sich mit Phantastik beschäftigen, herrühren, denn man ist sich der argumentativen und anderer Stärken der anderen nicht unbedingt ausreichend bewusst. Dem genau kann natürlich eine Organisation wie die GFF und eine offengehaltene Tagung wie die „Fremden Welten“ Abhilfe verschaffen und hat dies auch in ersten Schritten schon getan.
Nächstes Jahr Salzburg und 2012 Zürich werden das fortsetzen und die neuen und alten Bekanntschaften aus Hamburg werden die Inseln mit Fähren und Brücken verbinden, so dass man insgesamt über die Gründungskonferenz sagen kann: Voller Erfolg!
Traumfragment
[Die Szene scheint auf einer leeren Ebene zu spielen, unterbrochen nur von zackigen, aber nicht allzu großen Gebilden, die ebenso gut Steine wie Schrott sein könnten. Der Himmel ist gelb und hängt tief über dem Land. Ein paar Wolkenfetzen - oder Rauch? - schweben nahe des Bodens in der Luft. Dieser Boden ist dreckig und von Pfützen bedeckt.]
Sie erhoben sich langsam und blickten müde über die weite, desolate Ebene hinweg. Sie waren verschwitzt und stanken und viele bluteten. Und es waren nicht nicht mehr alle dabei, auch wenn die meisten es geschafft hatten.
Der junge Chris fragte: "Und das war es nun? Das war alles, was wir erreichen konnten?"
"Ja", antwortet irgendjemand.
"Und das wird immer so sein?"
"Ja."
"Und deshalb werden wir immer diese Geschichte erzählen?"
"Ja."
Chris schüttelte den Kopf und begann loszustapfen ...

(Foto aus "Anwyn" von Juxart; www.juxart.de)
Science Fiction, Definition und Geschichte
Die Vorträge sind von einem fachkundigen Publikum wohlwollend aufgenommen worden; es scheint, dass ich mich auf einem guten Weg befinde. Aber ich freue mich natürlich über jeglichen Input. Deshalb stehen ab sofort die beiden Vortragstexte hier auf polyoinos zur Lektüre zur Verfügung. Zwei Audioaufzeichnungen werden folgen, sobald ich dazu komme, sie nachzubearbeiten.
Wenn Sie also interessiert, warum die Reflektionsleistungen von SF zeigen, dass das Genre eigentlich ein ziemlich realistisches ist und warum es reicht, SF als "Science Fiction sind phantastische Geschichten, deren irreale Anteile dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand der Autorinnen und Autoren nicht widersprechen." zu definieren, dann lesen Sie doch einmal in die Prometheus-Papiere und in die (Noch)-Nicht-Orte hinein.

Auf zu neuen Welten ...
"die fantastischen 6" sind erschienen ...
Das Buch enthält sechs 40-50-seitige Beiträge, die jeweils das (Haupt-)Werk der Autoren mit ihrer Biographie verbinden. Die jeweiligen Artikel richten sich an den Fan, der mehr über Werk und Autoren wissen möchte sowie an jede Leserin, jeden Leser, die diese sechs für die Phantastik äußerst wichtigen Menschen einfach so näher kennenlernen wollen oder ein besseres Verständnis von Wirken und Rolle der Phantastik über die je persönlichen Zugänge gewinnen möchten.
Die Zusammenstellung gerade dieser Autorinnen und Autoren gewährt damit auch einen Überblick über die gesamte Bandbreite der Phantastik. Mit Mary Shelley beginnt nach recht einhelliger die Science Fiction, aber auch das Horrorgenre verdankt ihr einen prägenden Einfluss. Stoker ist für den Horror wichtig, beeinflusste aber auch die Fantasy. King ist sowieso aus allen drei Hauptbereichen der Phantastik nicht wegzudenken. Dick und Lem stehen für den Einfluss, den Science fiction auf unser Denken und die Gesellschaft hat. Und Tolkien ... na ja, den kennen Sie als Besucher meiner Site ja.
Ich habe für meinen Beitrag das Wichtigste zusammengefasst, was man über Tolkien bei der gegebenen Kürze von nur gut 40 Seiten sagen kann und es mit seiner unspektakulären, aber für das Verständnis der Fantasy doch so wichtigen Vita verbunden, so dass Sie jedem Tolkieninteressierten bedenkenlos, wie ich finde, raten können, den Aufsatz als Einstieg in seine Welt(en) zu lesen. Fast das Gleiche kann man über die alle sechs Aufsätze sagen.
Ein persönlicher Tipp noch - da Sie ja gerade hier sind und die lesen, vermute ich, dass Sie sowieso eine Affinität zur Phantastik haben, für die polyoinos ja weithin steht. Wenn Sie Ihr Interesse (Liebe?) Phantastik jemandem erklären wollen, der da nicht viel mit anfangen kann (Eltern, Partner, Lehrer ...), so stellt die fantastischen 6 einen tolles Geschenk dar.
Also:
Charlotte Kerner (Hrsg.): die fantastischen 6. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 2010

Bitte? Ich sollte gerade heute eher etwas über die verbotene (juchhu!) Vorratsdatenspeicherung schreiben? Sie haben ja recht. Dazu eine Einschätzung in zwei, drei Tagen, ja?
Aus gegebenem Anlass: Mal wieder Thema Eskapismus

Türen in fremde Welten helfen ...
Allerdings haben sich die Spiegel-Redakteure, wie ich finde, keinen Gefallen damit getan, ausgerechnet diese beiden Fantasyerzählungen auszuwählen. Und damit ziehe ich mich nicht auf die bekannte Replik des Herr-der-Ringe-Autors Tolkien zurück, dass Fluchten ins Phantastische angesichts der nüchtern-trostlosen Moderne legitime Fluchten eines Gefangenen aus dem Gefängnis einer ent-ästhetisierten Welt sind.
Ich halte die Beispiele Harry und Mittelerde für schlechte Eskapismusbeispiele, weil sie beide überhaupt nicht weltabgewandt sind. Doch der Spiegel hält sie für „KIndergeschichten“ und schließt im Weiteren: „Man zieht sich zurück in eine infantile Welt, in der herzige Helden das Böse besiegen.“ Und das natürlich nur, um den Kopf in den Sand zu stecken: „Das moderne Märchen ist die Antwort auf eine ruppige Welt.“ (Alle Zitate S. 154.) Oh ja, Verantwortungslosigkeit pur!
Die „herzigen Helden“ sind natürlich die übliche Spiegel-Polemik und wären gar nicht so schlimm, wenn sie auch nur annähernd den Werken entsprächen, denn schließlich sei auch dem Spiegel gestattet, seine Punkte zu machen, wie er es für richtig hält. Aber anhand dieser Beispiele zeigt sich einfach, dass die Herren Kurbjuweit und Steingart sowie Frau Theile schlicht keine Ahnung haben, wovon sie schreiben.
Wo nämlich die Herzigkeit zu finden sein soll, kann sich dem Publikum nicht erschließen. Etwa in den Folterszenen zwischen Dolores Umbridge und Harry Potter? Oder wenn Sam und Frodo sich am Ende ihrer Kräfte durch die tödliche Ödnis Mordors schleppen? Egal. Geschenkt, würde ich sogar sagen - denn die Bemerkungen sind ja nur Randnotizen zum großen Thema des Artikels -, wenn nicht die Werke und das Publikum damit erstens en passant mal wieder beleidigt würden und zweitens nicht schon wieder der unzutreffende Gemeinplatz bedient würde, dass Fantasy mindestens belanglos, vielleicht aber sogar gefährlich ist, denn sie verhindert ja den Blick auf die wichtigen Dinge.
Aber schauen Sie sich diese herzigen Welten doch einmal an. Nein, es muss gar nicht das bedrückende verheerte Land sein, in das der ‚herzige’, an Lepra erkrankte Held Thomas Covenant geworfen wird (von dieser Fantasy-Serie redet der Spiegel ja auch nicht - meine Entschuldigung). Nein, ich meine das ach so herzige Hogwarts und die herzige Welt Mittelerde.
In Hogwarts erlebt Harry Potter in 7 Bänden eine typische Coming-Of-Age-Geschichte, einen Entwicklungsroman wie es ihn seit Jahrhunderten gibt; klassisches Literaturarsenal sozusagen. Lässt man einmal die phantastische Kulisse beiseite, so findet man eine durchaus realistische Geschichte über die Probleme des Aufwachsens. In höchstem Maße zugespitzt zwar, aber Zuspitzungen sind völlig normal in allen Arten von Romanen und Filmen, um die Punkte zu verdeutlichen, über die die Autorin, der Regisseur Aussagen machen möchte. Dass die Zuspitzungen bei Harry Potter bis ins Übernatürliche hineinreichen, ist weder für die Form noch für die Aussage von Belang. Todes- und Liebeszauber in Fantasy sind nichts weiter als Metaphern für menschliches Handeln. Worauf es ankommt, ist, ob die Geschichte als Geschichte überzeugt und anspricht. Und die ist komplex und reichhaltig, die Charaktere besitzen Tiefe und die Entscheidungen, die den Protagonisten abverlangt werden sind schwierig und folgenschwer - ganz ähnlich wie jeder Jugendliche zu ahnen beginnt, dass alles, was er tut komplex und folgenschwer ist. Jedenfalls ist es keine infantile Welt, in der einfach mal so das Böse besiegt werden kann.
Auch Mittelerde ist keine Welt, in der rechts das Böse und links das Gute stehen und Links mal eben nach Rechts rüberrennen kann, um die Geschichte in allgemeinem Wohlgefallen aufzulösen. Nicht einmal bei Jackson ist sie das ... und um wie viel weniger bei Tolkien, wie Steingart, Kurbjuweit und Theile leicht einsehen sollten, wenn sie sich mal mit Feanor oder Turin befassten oder auch nur über Gollum nachdächten, von dem auch sie schon gehört haben dürften. Es ist eine noch einmal deutlich komplexere Welt als Hogwarts, die Tolkien da erschaffen hat, in der es Unmengen an Gedanken, Überzeugungen und Ideen zu entdecken gibt. Allein der melancholische Niedergangscharakter - der ebenfalls bei Jackson zu sehen ist - gibt schon so vieles zu bedenken, dass nicht wenige Kritiker Tolkien deshalb in eine Reihe mit den großen Kriegspoeten wie T. S. Eliot und Erich Maria Remarque gestellt haben. Herzig? Nein, Modernitätskritik und der Tod auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs finden ihre phantastisch vebrämte Aufarbeitung.

... die Tür zur eigenen Welt zu öffnen
Und die vermeintlichen happy endings? Sie sind es ja wohl, die den Hauptimpuls zum Eskapismus bergen, über den die Autoren sich mokieren. Märchen - und selbst die sind nicht so naiv wie der Spiegel-Artikel es wohl gerne darstellen würde - enden oft mit der Aussage, dass nach den Ereignissen alle glücklich und zufrieden leben, eventuell bis heute und gleich um die Ecke. Doch welches Fazit können die Helden Harry und Frodo ziehen? In Harrys Fall endet die Geschichte glücklich, aber das Happily-Ever-After-Gefühl stellt sich nicht ein. Es ist gut, aber es fühlt sich eher an wie: „Es ist geschafft.“ Und es war verdammt hart, dorthin zu gelangen. Exakt so, wie sich der vollzogene Austritt aus der Jugend anfühlt. Und für Frodo - und die gesamte Welt Mittelerde, die nun auf allen elbischen Zauber verzichten muss - gibt es überhaupt kein Happy End, denn seine Wunden sind so tief, dass er es nicht mehr in der Welt, die er rettete, aushält und sie verlassen muss.
Harry und Frodo haben gelernt, dass man mitunter große Opfer bringen muss und bilden damit ab, was Menschen im wahren Leben tagtäglich erleben. Dass es überhaupt zu Enden kommt, bei denen wenigstens das Böse nicht triumphiert, verleiht unserer Minimalhoffnung Ausdruck, dass wir das Leben halbwegs anständig bewältigen werden und ist als solches nur legitim. Natürlich sind Hogwarts, Mittelerde und all die anderen zauberhafte Welten, die in sich hinein entführen wollen. Harry, Mittelerde und ein großer Teil der Fantasy erinnern uns aber auch daran, wie steinig der echte (Lebens-)Weg ist. Mit Weltflucht hat das nicht viel zu tun, viel eher ist es zutreffende Diagnose, von den Ärzten Rowling und Tolkien - so wie jeder gute Arzt es machen würde - angereichert mit einem Schuss Hoffnung, der Mut macht, den Weg weiter zu gehen.
Genre-Grenzen
Es sind schwammige Grenzen und Konsens ist dann immer so eine Sache. Dabei ist es recht einfach mit den Genregrenzen, finde ich, und habe mir deshalb ein paar Gedanken gemacht und einen kleinen (4 Seiten) Aufsatz dazu zu Tastatur gebracht.
Bitte sehr: ...
Fantasy ist ein Menschenrecht ...
Deshalb nahm ich den Mythentag im Nibelungenmuseum in Worms zum Anlass, diesen Gedanken einmal auszuformulieren und zu erläutern. Friedhelm Schneidewind, der Conventus Tandaradey und ich waren eingalden, im Mythenlabor zu Halloween einen ganzen Tag mit Lesungen, Vorträgen, Workshops und einem Konzert zu gestalten, und als Einstiegsvortrag schien es mir eine gute Idee zu sein, einmal grundlegend auf den politischen und sozialen Stellenwert von fantasy und der Phantastik im Allgemeinen hinzuweisen. Nun, die Gäste fanden es, glaube ich, auch spannend und einleuchtend.
Ich würde mich freuen, wenn Sie sich die Zeit nähmen, den Gedanken einmal mit mir nachzuvollziehen. Und falls Sie meine Ausführungen über das Wesen der Fantasy kennen, so können Sie auch gleich zum Punkt Römisch 2 runterscrollen, wo die eigentliche politische Argumentation beginnt. Bitte sehr ...

Nibelungenmuseum Worms
Nachtrag: Der Wormser Zeitung hat es auch gefallen (bis auf Friedhelms Brille): Zeitungsbericht.
Mythentag im Mythenlabor (Worms)
Samstag 31.10. / 10-18 Uhr
Nibelungen, Orks und der Drachen Tod
Mythentag im Nibelungenmuseum
Tagesprogramm mit Vorträgen und Workshops von und mit Friedhelm Schneidewind und Frank Weinreich
Ort: Mythenlabor im Nibelungenmuseum
Die beiden Mythen-, Fantasy- und Tolkienexperten Friedhelm Schneidewind (Hemsbach) und Dr. Frank Weinreich (Bochum) präsentieren an Halloween spannende und unterhaltsame Vorträge rund um Mythen und Moderne.
Samstag 31.10. / 20 Uhr
Liebe, Tod und Weingelag - Von Walther über Oswald bis zu Bellman
Konzert mit der Gruppe Conventus Tandaradey
Ort: Heylsschlösschen Worms (Schlossplatz 1).
Wie schon bei ihrem mitreißenden Auftritt zu Halloween 2007 wird die Mittelaltergruppe Conventus Tandaradey das Wormser Publikum auch in diesem Jahr in fremde Gefilde und ferne Zeiten entführen: ins Mittelalter mit Liedern von Oswald von Wolkenstein und François Villon, in die Renaissance mit Thoinot Arbeau und den frühen Barock mit John Playford und Liedern von Carl Michael Bellman.

Liebe, Tod und Weingelag ...
Vorträge und Workshop von 10 - 18 Uhr.
10:00 Uhr: Frank Weinreich:
Fantasy – ein Menschenrecht. Nibelungen allezeit ...
11:00 Uhr: Friedhelm Schneidewind:
Warum Siegfried die letzten Orks erschlug. Die (nicht ganz ernst
gemeinte) Wahrheit über die Nibelungen
14:00 bis 16:00 Uhr: Workshop mit Friedhelm Schneidewind und Frank
Weinreich:
Ich Siegfried, ich Brunhild
Wir schaffen unsere eigenen Heldinnen und Helden.
Workshop zum Texten und Schreiben
16:00 Uhr: Friedhelm Schneidewind:
Tiamat, Fafnir und Smaug. Drachen einst und jetzt
17:00 Uhr: Frank Weinreich:
SENSATION! Französischer Archäologe weist nach: J.R.R. Tolkien hat den
»Herrn der Ringe« nicht erfunden!
Eine (nicht ganz ernst gemeinte) Geschichte
anschließend (20:00 Uhr)
KONZERT mit CONVENTUS TANDARADEY im Heylsschlösschen:
»Liebe, Tod und Weingelag’«
Einzelvorträge je 5 Euro, alle Vorträge im Paket: 15 Euro
Konzertbesuch: 10 Euro
Komplettticket: Vorträge und Konzert: 20 Euro
Anfragen unter Nibelungenmuseum Worms: 06241-202120
Ich würde mich sehr freuen, Sie in Worms zu treffen!

Phantastik-Konferenz in Hamburg, inkl. ...
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Call for Papers
Erste Jahrestagung und Gründungskonferenz der
Gesellschaft für Fantastikforschung (GFF)
Fremde Welten
Wege und Räume der Fantastik im 21. Jahrhundert
an der Universität Hamburg
30. September – 03. Oktober 2010
Der Erfolg von Joanne K. Rowlings Harry Potter Romanen, der Matrix-Reihe der Wachowski-Brüder und Peter Jacksons Herr der Ringe hat weltweit dafür gesorgt, dass die Themenbereiche der Fantastik aus der Einordnung in die Genreliteratur heraus getreten sind und sich einen Platz im weiten Feld der akademischen auseinandersetzungen erobert haben. Das überwältigende Interesse der Menschen an Fantastik - in all seinen Spielarten - wurde schnell von den Medien aufgegriffen
und führte dazu, dass auch im akademischen Rahmen Forschungsaktivitäten initiiert oder intensiviert wurden. Im angloamerikanischen Sprachraum traf der populäre Boom auf bereits vorhandene Strukturen, so dass Organisationen wie die International Association for the Fantastic in the Arts (IAFA) oder die Science Fiction Research Association (SFRA) das neu gewonnene Interesse an ihrer Arbeit begrüßen und sich dadurch stärker innerhalb der akademischen Forschergemeinschaft positionieren
konnten.
Im deutschen Sprachraum jedoch ist das akademische Interesse an Fantastik bislang ohne ausreichende Anbindung an eine gemeinsame Organisation oder ähnliche Netzwerkstrukturen. Wir sehen daher die Gründung einer Gesellschaft für Fantastikforschung (GFF) als ersten wichtigen Schritt, die deutschsprachige Forschung zur Fantastik international anzubinden und somit einerseits diese Forschung sichtbarer zu machen und andererseits Grenzen zu überschreiten und Forscher in einer
Gesellschaft zu vereinen. Zu diesem Zweck ist an der Universität Hamburg geplant, im Oktober 2010 die Gründungskonferenz und erste Jahrestagung der GFF mit dem Titel „Fremde Welten - Wege und Räume der Fantastik im 21. Jahrhundert“ abzuhalten. Die Konferenz ist ausdrücklich interdisziplinär und international angelegt und versteht den Begriff „Fantastik“ in seiner umfassenden Definition als Oberbegriff aller fantastischen Genres, wie etwa Fantasy, Horror, Gothic, Science Fiction, Speculative Fiction, aber auch Märchen, Fabeln und Mythen. Interdisziplinarität ist dabei ein zentraler Aspekt der GFF, die sich als akademisches Netzwerk versteht, das mögliche Forschungsinteressen vor allem aus Literatur, Film, Fernsehen, Kultur, Kunst, Neuen Medien, Architektur und Musik vereint und zusammenführt, aber auch Einflüsse aus Soziologie, Anthropologie, Geschichtswissenschaft und Philosophie in sich aufnimmt. Internationalität ist dabei durch die bifokale Ausrichtung der Gesellschaft und der Konferenz gewährleistet, die sich einerseits an deutschsprachige Forscher eben dieser Bereiche richtet, aber andererseits auch Mitglieder und Teilnehmer aus der internationalen Forschung zur deutschsprachigen Fantastik sucht und ausdrücklich einlädt.
Die Konferenz versteht Fantastik als einen der wichtigsten Teilbereiche der populären Kultur und sieht in ihr eine Reflektion von Machtverhältnissen und Interessenskonflikten, die im Populären eine Vorwegnahme von gesellschaftlich zentralen Diskursen erfährt, wie sie sonst in keinem anderen kulturellen Bereich zu finden ist. Als eine Form, die sich per se mit alternativen Welten bzw. grenzüberschreitenden Erfahrungen von Raum und Zeit befasst, bietet die Fantastik ein
geradezu paradigmatisches Feld, fiktionale kulturelle Räume vor dem Hintergrund historisch-realer Entwicklungen zu untersuchen bzw. aus Sicht des 21. Jahrhunderts neu zu entdecken. Zu untersuchen gilt, warum unsere Gesellschaft nach Fantastik verlangt und welche Alternativen diese Kulturform uns aufzeigt? Wie hat sie sich in den letzten Jahren verändert und entwickelt? Und speziell im deutschen Sprachraum besteht noch die Frage, welche Räume sie bislang errichtet hat und wo sie sich derzeit wieder findet?
Die Konferenz „Fremde Welten - Wege und Räume der Fantastik im 21. Jahrhundert“ versucht einerseits eine Bestandsaufnahme der akademischen Auseinandersetzung mit Fantastik im deutschen Sprachraum zu leisten, andererseits diese Forschungen in einen internationalen Dialog zu bringen. Sie möchte Forscher und Interessierte zusammenführen und einen Austausch über die vielen, noch offenen Fragen anregen. In Anlehnung an den Konferenztitel lassen sich daher
beispielhaft einige dieser Fragen benennen: Welchen Weg ist die Fantastik bislang gekommen? Welchen Weg wird sie in Zukunft gehen? Und vor allem: Wo ist sie zurzeit zu finden, welche Räume hat sie für sich erschlossen?
Die Organisatoren rufen nun alle Interessierten auf, bis zum 01.04.2010 Vorschläge für Beiträge zur Konferenz einzureichen. Möglich sind Vorschläge für Vorträge (in Vortragssitzungen bis zu 3 Teilnehmern, je 20 Minuten), Panel-Diskussionen (moderiert, mit 3-5 Teilnehmern) oder Autorenlesungen aus allen Bereichen der Fantastik in deutscher oder englischer Sprache. Vorschläge von max. 250 Wörtern und kurze, biografische Information sowie Kontaktdaten richten Sie bitte per Email an: lars.schmeink [at] uni-hamburg.de. Weitere Informationen erhalten Sie ebenfalls unter dieser Adresse.
Organisation:
Lars Schmeink, Prof. Dr. Astrid Böger, Prof. Dr. em. H.-H. Müller
Universität Hamburg
Institut für Germanistik II
Von-Melle-Park 6
D-20146 Hamburg
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Wie gesagt, ich finde es hochspannend und habe mich auch schon mit einem Vortragsvorschlag für die aktive Teilnahme an der Konferenz beworben. Außerdem plane ich, der zu gründenden Gesellschaft beizutreten. Hier etwas wie die SFRA aufzuziehen, ist lang schon nötig, jetzt scheint es zu passieren.
Aus dem Tolkien-Umfeld werden einige nahmhafte Expertinnen und Experten (Thomas Honegger etwa) dazu kommen und auch sonst höre ich aus der Ecke der Phantasten, wie Friedhelm Schneidewind oder Fanfan Chen, dass viele Leute planen, nach Hamburg zu kommen. Das könnte ein großer Erfolg werden, gesellen Sie sich doch auch dazu.

Auf nach Hamburg; Bus, Bahn und normale Autos gehen natürlich auch ...
Gewalt in Fantasy - Untersuchung auf Deutsch online
Der Artikel ist zudem gegenüber der englischen Fassung etwas erweitert. Ich habe ein paar der Zahlen gestrichen und dafür einige allgemeine Überlegungen zur Gewaltdarstellung im Genre Fantasy hinzugefügt. Schauen Sie ruhig noch einmal rein, auch wenn Sie den englischen Artikel schon kennen.
Zur Erinnerung: Es ist erstaunlich, mit wie wenig Gewalt Tolkien auskommt (das Buch; Jackson mit seiner Verfilmung ist was gaaanz anderes)! Weniger als 10 Prozent des Textes enthält direkte, lebhafte Gewaltdarstellungen, und wenn man es auf medial wirksame Gewalt reduziert, sind es sogar unter 5 Prozent.

Gewalttätige Balrogs sind ziemlich selten ...
Mythos, Sage, Märchen, Fantasy ...
Nun habe ich es geschafft, den Vortrag etwas aufzubereiten und zu veröffentlichen. Über Feedback und Verlinkungen freue ich mich sehr, wie immer steht der Text des Vortrages unter Creative Commons License und kann von Ihnen bei Nennung von Quelle und Verfasser gerne weiterverwendet werden.
Da ich bei diesem Vortrag daran gedacht habe, mein Aufnahmegerät einzuschalten, steht auch eine Audioversion zur Verfügung.
Regeländerung beim Deutschen Phantastik Preis - schade!

Der Deutsche Phantastik Preis ist ein Preis, der vom Publikum vergeben wird, von Ihnen allen. Das ist zwar nicht ganz unproblematisch, da die Autorinnen und Graphiker mit dem größten Fankreis den Preis vielleicht auch abräumen, ohne dass ihr Werk wirklich so herausragend war. Aber es ist doch eine ehrliche Äußerung der Begeisterung, die da durchschlägt.
Bis zum letzten Jahr wurden in einer Vorrunde alle möglichen Vorschläge gesammelt und die am meisten genannten Werke dann in einer Hauptrunde zur Abstimmung gestellt. Dieses Jahr hat eine Jury - von der auf der Site nicht ersichtlich ist, wer das war und was sie qualifizierte - in jeder Kategorie Vorschläge gemacht, von denen man je Kategorie einen auswählen kann. In der letzten Zeile ist dann ein Textfeld, das auch die Nennung nichtjuryverlesener Künstler und Schriftsteller erlaubt. Es ist also immer noch alles möglich.
Aber ist nicht zu erwarten, dass die Vorauswahl das Ergebnis ganz stark bestimmen wird? Wer hat schon Ideen für alle Kategorien? Klar, man kann Kategorien offenlassen. Aber wenn da ein Name ist, der einem etwas sagt, neigt man dazu, den zu nehmen. Eine Autorin, deren vorletztes Buch man mochte, und die man dann wählt, obwohl man das zur Wahl stehende nicht kennt? Aus der Sozialforschung ist bekannt, dass derartige Präjudizierungen die Befragten ganz stark leiten.
Bemerkenswert ist übrigens in zumindest einem Fall, wer nicht auf der Liste steht. Hither Shore, das Jahrbuch der Deutschen Tolkiengesellschaft, hat den DPP 2006 und 2008 gewonnen und es ist auch 2008 wieder ein Buch erschienen, das man dieses Jahr wählen kann. Die Jury fand es aber offensichtlich nicht wichtig genug, den Vorjahressieger zu berücksichtigen ...
Ich appelliere ganz offen, doch bitte nur die Werke zu wählen, die man auch kennt. Echte Fans werden die Werke ihrer Autoren und Grafiker ja auch genossen haben. Aber nicht einfach XXXX wählen, weil der 2001 mal ein nettes Buch rausgebracht hat. Das nimmt vielen Künstlern eine Chance, die nicht so bekannt sind wie XXXX, der vielleicht mit seinem letztjährigen Buch gar nicht mehr so toll war wie früher.
Eines noch: Was die Kategorie Bestes Sekundärwerk angeht: Hither Shore, Band 4, Tolkiens Kleinere Werke, können Sie natürlich wählen, obwohl die Jury es nicht so toll fand. Besser aber noch ist das unerfindlicherweise auch nicht auf der Liste stehende: „Friedhelm Schneidewind: Mythologie und phantastische Literatur. Oldib-Verlag Essen, 2008“ - einfach bestellen, lesen, wählen. Danke schön!
Der Realismus von Hellboy (und Fantasy überhaupt)
Urs Jenny schrieb im SPIEGEL vor zwei Wochen erst darüber, wie wenig die Fantasy mit der Realität zu tun hat, dass sie dazu dient, uns aus unserer trostlosen echten Welt ins Anderland flüchten zu lassen: „Die Fantasy-Literatur dagegen lockt mit Lebensfülle und satten Farben, mit einer Menagerie von Fabeltieren, mit glutäugigen Vampiren, ätherischen Elfen und drolligen Zwergen.“ Lieber Herr Jenny, die Fantasy arbeitet nur mit exotischen Bildern und Themen, aber sie erzählt doch über nichts anderes als die reale Welt und die echten Menschen!
In Hellboy II gibt es eine wunderbar kitschige Szene, in der sich Teufel und Wassermann voller Liebeskummer betrinken und gemeinsam Barry Manilows „Can´t smile without you“ singen (hier der Song und ein paar Bilder in einem YouTube-Video). Deutlicher kann man wohl kaum ausdrücken, dass all die Fabeltiere, Vampire, Elfen und Zwerge nichts anderes sind als Menschen wie wir. Sicher, oft sind sie reduziert auf einen oder wenige Aspekte - das absolut Böse, Gute, Kluge oder Dumme - aber es sind Menschen. Derartige Reduktionen kennt die realistische Literatur aber gleichermaßen, wenn sie irgendetwas auf den Punkt bringen will.

Man könnte zwar mäkeln, dass die Fantasy oft den Holzhammer auspackt und ihre Aussagen manchmal mit wenig Subtilität und Finesse trifft oder dass eine Szene wie die genannte wegen ihres Kitsches nicht ‚den‘ Ansprüchen genügt. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich schlecht streiten und ob hunderteseitenlange Deskriptivergüsse, wie in Grass´ Ein weites Feld, der Erzählweisheit letzter Schluss sind, wäre genauso ein möglicher Diskussionsanlass. Die Qualitätsdiskussion ist eine andere.
Aber die Qualitätsfrage ist auch gar nicht die, die im Zusammenhang mit Fantasy üblicherweise zuerst thematisiert wird, sondern die unterstellte Belanglosigkeit des Genres, die aus der Irrealität seiner Themen und Figuren abgeleitet wird: Die Beschäftigung mit den Welten von Magie und Drachen lohnt nicht, weil es diese nicht gibt, wir also nichts von ihnen lernen können. Schwachsinn!
Wovon sollen denn bitte die Schriftsteller und Regisseure der Fantasy erzählen, wenn nicht von der Realität? Fantasymotive sind nichts anderes als die Verfremdung und Fokussierung menschlicher, realweltlicher Themen. Das Spiel mit Legende, Mythos und Phantasie dient dazu, durchzudeklinieren, was die Künstler und ihr Publikum bewegt. Oder, wie es die wunderbare Ursula Le Guin formuliert: „Realismus ist vielleicht das am wenigsten geeignete Mittel um unsere unglaubliche Realität zu verstehen oder darzustellen. Ein Wissenschaftler, der im Labor ein Monster erschafft; ein Bibliothekar in der Bibliothek von Babel; ein Zauberer, der daran scheitert, einen Zauberspruch zu wirken; ein Raumschiff in Schwierigkeiten auf seiner Reise nach Alpha Centauri: All dies sind präzise und grundlegende Metaphern der Bedingungen der menschlichen Existenz.“
Man muss nur für die kurzen Augenblicke von Lektüre und Filmgenuss den Unglauben aussetzen lassen, dann lernt man von der Phantastik nicht weniger als in der Philosophievorlesung.
“Can´t smile without you ...“
Ach ja, noch etwas: Del Toro drehte Hellboy I und II, vor allem aber Pans Labyrinth - ich glaube, da können wir uns bei der Verfilmung von Der Hobbit auf etwas Besonderes freuen ...
Gewalt in "Der Herr der Ringe"

Mein Beitrag war die Umsetzung eines lang gehegten Wunsches, nämlich endlich mal zu ermitteln, wie viel Gewaltdarstellung es wirklich gibt in Der Herr der Ringe. Es ist zwar das Buch über den Ringkrieg, und trotzdem umfassen Gewaltanteile maximal 20 % des Textes, die eigentliche Darstellung von Gewalttätigkeiten sogar nur gut 8 %!
Die Methode der Wahl, dieses zu ermitteln ist eine quantitative Inhaltsanalyse. Um Probleme die mit der Übersetzung zu tun haben zu umgehen (und weil es eine internationale Konferenz war), habe ich die Analyse allerdings in Englisch durchgeführt und beschrieben, weshalb ich im Augenblick nur auf einen englischen Text verweisen kann.
Wahrscheinlich wird es jedoch im Juli, auf dem Tolkien-Thing, zu einem Bericht der Ergebnisse auf Deutsch kommen, zu dem ich dann den Text übersetze und natürlich auch hier veröffentliche. Bleiben Sie dran. Bis dahin aber:
I would like to invite everybody interested in The Lord of the Rings to take a look at first results from the analysis of content of the Ring-Trilogy.
Metaphysics in Tolkien

Peterborough Regional College, on a very dark and cloudy day ...
I was expected to tell people with little or no knowledge of Tolkien and of philosophy something about the metaphysics that can be traced in Tolkien´s work. So I decided to give an abbreviated version of my article on Mythopoeia, enriched with some remarks on Tolkien in general. Please feel invited to read this introductory reproduction of my lecture if you also are not that familiar with Mythopoeia.
If you like it, have a look at the whole article or, even better, get this book from Walking Tree Publishers.
Eine kleine Einführung in J.R.R. Tolkiens Werk und Leben ...
Aber auch der Tolkien-Kenner und die Besucher, die meine Arbeiten über Tolkien kennen, finden den Artikel vielleicht recht interessant, da ich einige Punkte erstmals anreiße, die ich später in größerer Tiefe zu untersuchen gedenke. So sind die Ideen über den Zusammenhang von Technikfeindlichkeit und dem Glauben Tolkiens in dieser Form meines Wissens nach so noch nicht angedacht worden. Auch die konzentrierte Erläuterung der Verbindung zwischen dem wissenschaftlichen Werk und dem Publikumserfolg Mittelerdes stelle ich hier das erste Mal so dar.
Entstanden ist die kleine Arbeit, weil ich von den Rotariern in Oberhausen gebeten worden war, einmal eine Einführung in das Thema Tolkien zu geben, von dem die meisten Mitglieder fast nichts wussten. Da mir nur 25 Minuten zur Verfügung standen, werden Sie die paar Absätze auch in einer guten Viertelstunde gelesen haben. Ich glaube, es lohnt sich: Bitte sehr.

Wo wir gerade über Tolkien sprechen: Anfang Mai werde ich auf polyoinos eine Inhaltsanalyse vorstellen, die erstmals detailliert (erbsenzählerisch, könnte man auch sagen) aufführt, wie viele Anteile an Gewaltdarstellung in Der Herr der Ringe wirklich enthalten sind. Abonnieren Sie doch einfach den RSS-Feed und Sie bleiben auf dem Laufenden.
Anderswelt
Als ich dann im Bett lag und noch etwas Musik hörte, unter anderem „Anderswelt“ von Schandmaul, und den Refrain in mir nachklingen ließ - „Dreimal tanz im Sonnensinn um die alte Stätte hin, dann wird offenstehn die Anderswelt, du wirst sie sehn“ - dachte ich, beileibe nicht zum ersten Male, darüber nach, wie es wäre, die Anderswelt zu betreten. Und ich dachte daran, wie oft ich in Gesprächen mit Freunden, besonders aber auf Cons und im Rahmen von Lesungen, bei Gesprächen mit Fans und Zuhörern, zu hören bekomme, dass bei dieser oder jenem ein sehnlicher Wunsch bestehe, die Anderswelten von Science Fiction und Fantasy betreten zu können. Das ist gut, birgt aber mehr als eine Gefahr. Beispielsweise die der Selbsttäuschung.

Vielgestaltig können die Zugänge zur Anderswelt auftreten
Unterhält man sich intensiver darüber, wie es wäre, Urlaub von unserer Welt nehmen zu können, sie vielleicht sogar gänzlich hinter sich zu lassen, so ist es oftmals ein vielgestaltiges Mängelempfinden, das als Motiv dafür, andere Welten besuchen zu wollen, zutage tritt. Da wird unsere Welt als nüchtern und langweilig oder auch als angsterregend empfunden. Oder, und das scheint mir noch öfter vorzukommen, konkret das eigene Leben wird als mängelbehaftet, als mangelhaft oder ungenügend erlebt. In den Welten von Schwert und Magie oder denen von Raumschiffen und Teleporterstationen wird dann eine Verzauberung des Lebens, meist aber auch eine Aufwertung der eigenen Person oder Bedeutung erwartet. Man will ja dann in der Regel nicht nur von Ferne zusehen, wie Eowyn und Merry dem Herrscher der Nazgûl entgegentreten oder wie Picard mit Q diskutiert, sondern eigentlich will man ja auch mithelfen, will teilhaben - man will „wer sein“ in der Anderswelt.
Vorteil des Ausweichens in die Welten der Phantastik ist aber auch, dass man banalen ebenso wie schwer überwindbaren Problemen im realen Leben ausweicht. Im Star Trek-Universum gibt es beispielsweise kein Geld; das wurde abgeschafft, denn für die materiellen Bedürfnisse aller ist einfach gesorgt. Das ist natürlich besonders attraktiv, wenn der eigene Job lausig bezahlt ist oder man dauernd mit dem Minus auf dem Girokonto kämpfen muss. Kopfnoten, Weiterbildungen. Probezeiten und Praktika, Audits, Zwischenzeugnisse und Beurteilungen sind auch solche Sachen, die einen in Mittelerde nicht belasten können. Und was die Liebe angeht, so findet die meistens entweder nicht statt - was je nach eigener Situation ja auch eine befreiende Vorstellung sein kann - oder sie ist erfüllt.
Natürlich sind realistisch betrachtet die Beschwernisse in der Anderswelt so groß, dass man sie eigentlich jederzeit gegen einen cholerischen Boss oder einen geplatzten Kredit eintauschen würde, denn beides ist sehr viel einfacher zu ertragen, als durch Mordor zu ziehen oder von den Borgs assimiliert zu werden. Aber beim Hinüberträumen ist es ja genau umgekehrt - die phantastischen Gefahren sind abstrakt, die hiesigen konkret und außerdem geht es drüben ja doch fast immer gut aus.
Doch nehmen wir mal an das ginge. Nehmen wir an, man würde den Wandschrank finden, der einen hinüber bringt. Würden Sie gehen? Es muss ja nicht für immer sein. Nehmen Sie einen Ariadnefaden mit und schauen Sie mal kurz. Was würden Sie finden?
Alles mögliche würden Sie finden. Das bleibt ganz Ihrer Phantasie überlassen. Aber eines würden Sie immer auch finden - sich selbst. Und das ist die mögliche große Gefahr, die ich bei diesen Weltfluchtträumen sehe. Wenn Ihre Sorgen auch nur im Geringsten damit zu tun haben, dass Sie mit sich selbst im Unreinen sind, dass Sie ein Problem in der Seele tragen - eine Angst, eine Unzufriedenheit, etwas, dass Sie als Unzulänglichkeit (evtl. auch nur unterbewusst) empfinden - dann werden Sie das in der Anderswelt nicht los.
Sie können vor Situationen flüchten, aber nicht vor sich selbst. Viele Menschen, die glauben, dass sie ihr Leben ändern müssen, realisieren nicht, dass ihr Unbehagen oder Unglück in ihnen liegt und dass sie es mitnehmen werden, egal wovon sie sich ab- und was sie sie sich zuwenden. Dann hilft es auch nicht, bis in den Gammaquadranten vorzudringen.

Manch rettender Ast ist ganz schön kalt
Natürlich betrifft das auf keinen Fall alle Träumer, die gerne ein wenig in den Anderswelten stöbern möchten. Das würde ich bei sich bietender Gelegenheit ja auch nur allzu gerne machen. Und ich hoffe doch sehr, dass ich nicht unbewusst vor mir weglaufen möchte. Zudem kenne ich so manche Andersweltenreisende, von der ich ganz sicher bin, dass sie nicht vor sich weg-, sondern nur aus neugieriger Freude einer Faszination entgegenläuft. Aber ich kenne auch die anderen ...
Es gibt diese Form des Eskapismus, diese Flucht, bei der man das, wovor man eigentlich flieht, mit sich trägt und ihm deshalb nie entkommen kann. Diese Flucht ist falsch! Könnte das auch auf Sie zutreffen? Ich hoffe doch nicht. Falls aber doch - auch beim leisesten „könnte“ - erforschen Sie sich. Denken Sie einfach ehrlich über sich nach. Das mag schwieriger werden als die komplizierteste Meditationsübung, aber es gibt am Ende nur diesen einen Weg.
Die Anderswelten von Buch, Film und Onlinerollenspiel können ihnen nicht helfen, sich vor sich selbst zu verstecken; Sie werden dort nicht glücklich werden, wenn Sie das Unglück mitbringen.
Tolkien-Seminar der DTG im April 2009
6. DTG Tolkienseminar
Leibniz Universität Hannover
24.-26. April 2009
(vorläufige Fassung)
Mit freundlicher Unterstützung durch
Walking Tree Publishers
http://www.tolkiengesellschaft.de,
http://www.walking-tree.org
Freitag / Friday 24 April 09
Hörsaal 1503.003, Erdgeschoss Conti-Gebäude / Lecture Theatre 1503.003, Ground Floor of Conti Building (Königsworther Platz 1)
15.00-15.30 Eröffnung; Grusswort des Dekans / Opening Ceremony; Address by the Dean
15.30-16.15 Frank Weinreich, Gewaltdarstellung in Der Herr der Ringe – eine Inhaltsanalyse
16.15-17.00 Annie Birks, Perspectives on the Concept of Just War in Tolkien’s Works
17.00-17.45 Thomas Fornet-Ponse, Gibt es Macht ohne Gewalt?
19.00-21.00 Abendessen – Ort wird bekanntgegeben / Dinner – location will be announced
Samstag / Saturday 25 April 09
Hörsaal 1503.003, wie oben / Lecture Theatre 1503.003, as above
9.00-09.45 Heidi Krüger, Gerechte Kriege bei Tolkien und in der Fantasy? Eine literarische Analyse der Autorenabsichten
9.45-10.30 Friedhelm Schneidewind, Gewalt und Gewaltdarstellung bei Tolkien im Vergleich mit zeitgenössischen Gewalt- und Aggressionstheorien
10.30-11.00 Pause Raum 1503.703 (7. Stock Conti-Gebäude)/ Break Room 1503.703 (7th Floor, Conti Building)
11.00-11.45 Julian Eilmann, Der Sängerkrieg: Gesang und Gewalt in Tolkiens Mittelerde
11.45-12.30 Patrick Brückner, Gewalt generiert immer auch Herrschaft – Höfische Akteure und Heroische Gewalt in Tolkiens Farmer Giles of Ham
12.30-14.00 Mittagessen / Lunch – Mensa „Contine“, Königsworther Platz
14.00-14.45 Michaël Devaux, Dagor Dagorath and Apocalypse
14.45-15.30 Anna Slack, Clean Earth to Till: A Tolkienian Vision of War
15.30-16.00 Pause Raum 1503.703, wie oben / Break Room 1503.703, as above
16.00-16.45 Judith Klinger,The Legacy of Swords: Animate Weapons and the Ambivalence of Heroic Violence
16.45-17.30 Martin Sternberg, Sprache und Gewalt – die Orks, die Ents und Tom Bombadil
19.00 Gemeinsames Dinner der Vortragenden und interessierten Zuhörer – Ort wird bekanntgegeben – Voranmeldung notwendig! / Dinner for speakers and interested participants – location will be announced – prior registration required
Sonntag / Sunday 26 April 09
Hörsaal 1503.003, wie oben / Lecture Theatre 1503.003, as above
09.00-09.45 Eduardo Segura & Martin Simonson, Tolkien as War Poet
09.45-10.30 Guglielmo Spirito, The Legends of the Trojan War and J.R.R. Tolkien
10.30-11.00 Pause Raum 1503.703, wie oben / Break Room 1503.703, as above
11.00-11.45 Petra Zimmermann, „contraria contrariis curantur“ – Krankheitsheilung als Kampf in Tolkiens The Lord of the Rings
11.45-12.30 Christian Weichmann, „In den kommenden Tagen werden wir alle höflichen Leute brauchen“ – Höflichkeit und Konfliktvermeidung im Werk Tolkiens
12.30-13.00 Schlussdiskussion und Verabschiedung / Final Discussion and Farewells
Jeder ist herzlich willkommen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Eine Tagungsgebühr wird nicht erhoben. Everyone is welcome to attend. Registration is not required. There is no conference fee.
Neue Ausgabe des Herr der Ringe ...
Stefan Servos, der Chef von herr-der-ringe-film.de, aka Cirdan, hat mit dem zuständigen Lektor, Stephan Askani, ein interessantes Interview über die von ihm und Lisa Kuppler verantwortete Neuauflage geführt.
Schön, dass diese Neuauflage bald vorliegt, auch wenn sie als Sammlerausgabe (limitiert auf 7.777 Exemplare) preislich mit 98,-, später sogar 128,- Euro, leider viel zu teuer geworden ist.
Auch wenn nämlich Stephan Askani im Interview die Gleichwertigkeit der Übersetzungen von Carroux und Wolfgang Krege betont, stehe ich, wie hier begründet, der Carroux-Übersetzung sehr viel näher als der von Krege, ohne allerdings letztere, wie es viele tun, zu verteufeln.
Bleibt nur zu hoffen, dass die viele Arbeit irgendwann auch in eine erschwingliche und unlimitierte Ausgabe überführt wird.
sf-magazin - Rezensionen pur ...
Keine Community, keine Ajax-Spielchen, nichts bewegt sich, nirgendwo macht ‚irgendjemand’ mit oder fordert einen dazu auf. Das kann heutzutage schon sehr entspannend wirken. Und man kann sich besser auf das Wesentliche konzentrieren. Und das Wesentliche ist klar (dem ist auch allzu oft nicht so im Web) - es geht um Rezensionen von Science Fiction-Literatur. Teilweise kommen in Interviews auch Autoren zu Wort, aber es ist die Rezi die völlig im Vordergrund steht.
Und die sind offensichtlich von Profis für Interessierte geschrieben. Die Schreibe ist gut, informativ, so gut wie fehlerfrei und vor allem meinungsfreudig. Die Rezensionen informieren über den Inhalt, ohne irgendetwas vorweg zu nehmen, stellen den Genrebezug her und bewerten die Bücher in nachvollziehbarer Weise. Gerade Letzteres stellte sich als Gefühl auch bei den Büchern ein, die ich nicht selber gelesen habe.

Dass ein großer Teil der Rezis bei FAZ, TAZ usw. eingekauft ist, ist für den Besucher der Site eher gut, denn es garantiert ein gewisses Niveau und versammelt dabei gleichzeitig Texte, die man sonst zusammensuchen müsste. Und es sorgt dafür, dass nicht nur SF-Nerds angesprochen werden, sondern ein breiteres Publikum, was bei phantastischer Literatur ja sowieso schonmal lobenswert ist.
Einen Verriss habe ich beim Stöbern übrigens nicht gefunden, sondern nur wohlwollende Kritiken. Interessant wird es also sein, zu sehen, wie das sf magazin mit - immer wieder nötiger - harscher Kritik umgeht, tummelt sich im Genre doch auch viel Müll. Aber das Magazin steht ja erst am Anfang und scheint zunächst auch alle Kräfte auf Klassiker und die arrivierten Autoren zu konzentrieren, so dass man das wohl abwarten muss.
Eine tolle Besonderheit besteht darin, dass alle Beiträge geschmackvoll und passend illustriert sind. Quasi nebenbei - natürlich nicht wirklich nebenbei, denn Birkenhauer stellt den Illustratoren einen eigenen, von nur sechs!, zentralen Links in der Navigationsleiste zur Verfügung - werden hier die oft vernachlässigten Illustratoren mit ihren Werken vorgestellt, die soviel zum Ambiente des Genres beitragen. Und hier natürlich zum äußerst geschmackvollen Ambiente der Site.
Bleibt mir nur, dem Magazin viel Glück zu wünschen, den RSS-Feed habe ich ja schon abonniert ...
RingCon öffnet sich für Fantasy allgemein
Ursprünglich war die RingCon als reine Herr der Ringe-Veranstaltung gestartet. Aber nachdem letztes Jahr schon erste kleine Schritte auf Harry Potter und Pirates of the Caribbean gemacht wurden, haben beide Serien jetzt hochoffizielle Weihen erhalten und sind durch Schauspieler aus den entsprechenden Filmen und mit Vorträgen zum Thema vertreten.
Das ist eine sinnvolle Öffnung, denn die RingCon als etablierte Convention, die in der Vergangenheit bis zu 5 000 Besucher angezogen hat, könnte sich damit zur größten Fantasy-Convention im deutschen Sprachraum entwickeln. Die Meldungen der letzten Tage lassen ein breitgestreutes Programm erwarten, das auch den NIchtfilmfan ansprechen wird.
Vielleicht erweitert sie sich sogar dauerhaft in den Buchbereich hinein: Erstmals ist dieses Jahr mit Claudia Kern eine reine Autorin dabei und es wird eine Lesung eines jungen Autoreteams vom Sarturia-Verlag geben. Und das unter Einbeziehung des Publikums, das dazu Geschichten und Fan-Fiction einreichen kann.
Klasse und weiter so!
Übrigens: Ich werde dieses Jahr wieder das Streitgespräch moderieren und zwei Vorträge halten: 1. Von Babylon nach Hogwarts. Ein Streifzug durch die Geschichte der Fantasy. 2. Elfenwelten - die schönere Realität? Fantasy als angewandte Metaphysik.
Elbenwaldspektakel - Nachlese

Was das Spektakel auszeichnet sind: die breite Spanne der Fantasy, die bis in die SF und den Horror hinein abgedeckt wird; rundum gelungene Programme mit einer gesunden Mischung aus aktiven (Workshops) und passiven Programmteilen (Vorstellungen, Vorträge, Lesungen); eine professionelle Organisation; sowie vor allem die heterogene, aber einander bei aller Verschiedenheit liebevoll zugetane Community. Eine Community übrigens, die im Fluss ist, also nicht im eigenen Cliquensaft schmort. Im Gegenteil sind neben vielen, lieben alten Gesichtern auch immer viele neue Gesichter zu sehen, die für neue Impulse, neue Gespräche und andere Stimmungen sorgen.
So ist jedes Spektakel ein anderes Erlebnis. Dieses Jahr war es meinem Eindruck nach eher ruhiger und unspektakulärer, dafür konnte man mehr Gespräche und Diskussionen beobachten und belauschen.
Ein echtes Wagnis war, dass die Elbenwald-Crew dieses Jahr nur an einem Abend Livemusik bot. Und das ist, wie ich finde, auch in die Hose gegangen, zwei Abende ohne Musik (außer dem, was später natürlich vom Band kam) und ein Abend mit einer zeimlich schlechten Truppe (die allerdings ganz gut angenommen wurde) - nee, da fehlte definitiv was. Und das wa rnicht einfach nur Schelmish, die da fehlten, denn mittlerweile kann ich auch ganz gut mal ohne die. Aber egal, die Abende waren deshalb ja noch nicht schlecht, und selbst die skurrilsten Typen fanden ihren Spaß:

Die Vorträge waren weniger gut besucht als sonst - selbst Markus Heitz hatte bei der Lesung aus Kinder des Judas nur 25 Zuhörer/innen (später bei den Zwergen allerdings deutlich mehr) - dafür waren die Diskussionen aber intensiver und diesesr Austausch ist es, von dem wir Vortragenden ja am meisten profitieren. Mein persönlicher Höhepunkt war wieder die Lagertfeuerlesung von Markolf Hoffmann, Friedhelm Schneidewind, Markus Heitz und mir, die auch dieses Jahr fast das gesamte Publikum mit den Vorlesenden vereinte und stimmiges Fantasygefühl aufkommen ließ.
Die Workshops waren wieder voll und schreckten trotz intensiver, zu leistender Arbeit niemanden ab. Was in den Zimmern und Zelten so vor sich ging, konnte ich zwar nicht direkt sehen, aber die Crew von Bushikan brachte ihre begeisterten Schülerinnen und Schüler wieder in heftiges Schwitzen ... und wer weiß, wen sie damit alles nachhaltig vom Bushido zu überzeugen vermochten ...
Besonders gut (und beliebt, vor allem bei den Kindern, mit denen sie toll umgehen!) waren auch Juxart, die die ganzen drei Tage Jung und Alt mit ihren Performances und vielen kleinen, liebevollen Gesten zum Lachen und zum Schmunzeln brachten. Sie sorgtenmit ihrer Feuershow auch für einen krönenden Abschluss, von dem Sie hier einige Impressionen aus meiner Serie von Fotos mit Langzeitbelichtungen sehen können.

Kurz: es war wieder ein tolles Erlebnis, auf das ich mich im nächsten Jahr schon jetzt ganz besonders freue. Vielleicht treffe ich ja auch Sie dann dort ;-)
Elbenwald im neuen Gewand
Damit stehen auch die Chancen sehr gut, die Nominierung für den Deutschen Phantastik Preis 2008 in den Gewinn des Preises münden zu lassen. Ich jedenfalls mag die Seite!
George R.R. Martins "Fiebertraum" wieder auf deutsch erschienen
George R.R. Martin ist heute hauptsächlich für seine noch nicht beendete Fantasy-Monumentalreihe "Ein LIed von Eis und Feuer" bekannt, aber alles was diesen großartigen Schriftsteller ausmacht ist auch schon in Fiebertraum enthalten.
26. - 29.6. - Elbenwaldspektakel
Es werden Lesungen und Vorträge von Markolf Hoffmann (Schriftsteller, Autor von "Zeitalter der Wandlungen"), Markus Heitz (Schriftsteller, Autor einer ganzen Reihe sehr erfolgreicher Fantasyromane), Friedhelm Schneidewind (Schriftsteller, Vampirologe, Tolkien-, Mythen- und Fantasyexperte), Stefan Servos (Herr-der-Ringe-Film.de) geboten, es gibt Handwerkerworkshops, Einführungen ins LARP, Improvisationstheater, Gaukler, Spiele, Musik.
Ich selbst werde zwei Vorträge halten: "Fantasy - was ist das?" und ein Vortrag zum Thema Horror und Mythen, schließlich steht das Spektakel dieses Mal unter dem Motto "Kreaturen der Nacht". Außerdem werde ich im Rahmen einer Lesung am Lagerfeuer, die ich zusammen mit Markus Heitz, Markolf Hoffmann und Friedhelm Schneidewind bestreite, eine neue Kurzgeschichte vorstellen: "Ein Zwischenfall auf der Eulenburg". Die werde ich auch auf polyoinos veröffentlichen, aber erst nach dem Spektakelwochenende.
Das Ganze findet statt auf einer für diese Zwecke bestens geeigneten Burg und wird organisiert von einem Team das noch selbst unheimlichen Spaß an der eigenen Veranstaltung hat.
Infos, Anmeldemöglichkeit und vorläufiges Programm finden Sie hier.
Die Burg ist von der A 45 aus mit dem Auto aus Ruhr- und Rhein-Main-Gebiet gut zu erreichen, mit ÖPNV ist´s umständlicher.
Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns dort kennenlernen könnten!
Herzliche Grüße aus Bochum
Frank Weinreich
"We put the thought of all that we love into all that we make", ...
Es war wieder einmal ein wunderschönes Wochenende an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, die dieses Jahr ihr 450-Jähriges Bestehen feiert, bei dem Wetter, Teilnehmer und Inhalte Hand in Hand gingen, um das Thema - Untersuchungen zu Tolkiens The Hobbit - auf profunde und angenehme Weise auszuleuchten. Thomas Fornet-Ponse und Thomas Honegger hatten, "wie immer", so kann man mittlerweile wohl sagen, perfekte Vorarbeit geleistet, um ein weiteres, für die Tolkienforschung wichtiges Seminar in Szene zu setzen. Wie wichtig Seminar und Seminarergebnisse waren, wird man erst in einem knappen Jahr begutachten können, wenn die nächste Ausgabe von Hither Shore erschienen sein wird. Und dem kann und will ich hier in keiner Weise vorgreifen. Stattdessen möchte ich mich nur auf ein paar Eindrücke beschränken.
Die Qualität der Vorträge war ohne jegliche Einschränkung äußerst hoch, nicht nur bei den 'großen' Namen erfahrener Forscher wie Guglielmo Spirito, Fanfan Chen, Allan Turner oder Dirk Vanderbeke, sondern gleichermaßen bei den Nachwuchswissenschaftler/innen. Dass hier und da Nervosität die Vortragskunst etwas einschränkte und dass an anderer Stelle ein Vortrag vielleicht besser im vorhinein auf seine 30-Minuten-Tauglichkeit geprüft worden wäre, fiel da nicht mehr ins Gewicht - für einen Auftritt wie den des Franziskanerpaters und Professors der Theologie Guglielmo Spirito bedarf es eben mehr als 30 Jahren an Lehrerfahrung und eines unglaublichen Charismas. Aus diesem Grund hätte auch jede und jeder Vortragende hier eine intensive Besprechung verdient. Aber ich nehme das Recht des subjektiven Eindrucks in Anspruch und möchte nur ein paar, in ihrer Länge sicherlich ungenügende Worte, über jene Vorträge anführen, die mich am meisten beeindruckten.
Allan Turner sprach über Die Konzeption von "desire" im Hobbit (das er als "Sehnsucht" übersetzen würde, während die andere deutsche Begrifflichkeit "Begehren", wie Dirk Vanderbeke scharfsinnig ausführte, zu völlig anderen Schlüssen führen müsste). Nun ist es immer ein besonderes Vergnügen Allan Turner zuzuhören, weshalb eher hervorzuheben ist, dass Allan es überzeugend verstand, erstens die verschiedenen Motivationen der Protagonisten des Hobbit anhand ihrer Sehnsüchte darzustellen und zweitens deren Entwicklung entlang des Verlaufes der Handlung präzise darzustellen. Die Entwicklung der Sehnsüchte bis hin zu ihrer Umkehr von materieller Gier in die Einsicht und Annahme übergeordneter Werte, dient vorzüglich dazu, den im Hobbit dargestellten Lernprozess zu beobachten.
Blanka Grzegorczyk, eine junge polnische Anglistikstudentin, die hier ihren ersten großen Vortrag überhaupt ablieferte, verband den Hobbit mit der aristotelischen Ethik. Nun bin ich ja sofort positiv voreingenommen, wenn überhaupt jemand mal die antiken griechischen Denker, und besonders Aristoteles, mit aktuellen Themen verbindet, aber Blanka tat dies in wirklich überzeugender Weise. 30 Minuten sind nur viel, viel zu kurz für ein derartiges Unterfangen, weshalb sie nur Ausschnitte aufzeigen konnte. Sie verband die Handlung und Protagonisten des Hobbit mit der aristotelischen Tugendlehre (dazu nicht bei Wikipedia nachschlagen, die entsprechenden Artikel sind derzeit nicht gut - besser gleich einmal in die Nikomachische Ethik, wenigstens ihre Einleitung, reinschauen.) und zeigte auf, dass Aristoteles´ Denken sich genau abbilden lässt. Nun, man kann davon ausgehen, dass Tolkien Aristoteles gut gekannt haben wird, das gehörte damals zur akademischen Bildung dazu. Der Verdienst einer Darstellungsweise wie der Blankas liegt darin, dass sich so die ungebrochene Aktualität von Tolkiens Denken, insbesondere seiner Ethik, mit den zeitlosen Erkenntnissen der antiken Philosophie verbinden lässt, auf die die Moderne meiner Ansicht nach mehr und mehr verzichten zu können glaubt. (Was für ein Fehler!) Ich persönlich wäre das Thema anders angegangen und hätte die Praxis aristotelischer Ethik in den Vordergrund gestellt, die sich beispielsweise in der Ausübung von Freundschaft und Freundschaftsdiensten zeigt, die auch einmal schmerzen können (Bilbos 'Verrat' an den Zwergen). Aber dies hatte Blanka keinesfalls vergessen und konnte es in der Diskussion auch überzeugend erläutern.
Thomas Fornet-Ponse und Martin Sternberg behandelten das Thema Reichtumskritik und Gier aus zwei Sichten, einmal im Hobbit allgemein, einmal anhand des Arkensteins. Thomas stellte sein Licht mit der Bemerkung, er behandle ja eh nur Banalitäten, allzu sehr unter den Scheffel. Denn auch vermeintliche Banalitäten bedürfen einer scharfsinnigen Analyse und präsziser Darstellung, was Thomas wie immer gelang. Martin erweiterte das damit eröffnete Feld, indem er in brillanter Analyse darauf hinwies, dass mit Reichtum sehr viel mehr verbunden ist als an Geld reich oder arm zu sein. Sozialprestige, Macht, Machtansprüche und, in mittelalterlicher wie der Denkungsart der Fantasy gleichermaßen wichtig, übernatürliche Eigenschaften und Segnungen (oder Flüche) hängen mit Schätzen gleichermaßen zusammen. Die derart plötzlich enorm erweiterte Bedeutung von Schätzen, hier des Arkensteins, wirft dann ein besonderes Licht auf die Protagonisten, wenn man ihre Handlungen vor diesem erweiterten Hintergrund einschätzt.
Mein persönlicher Höhepunkt war der Vortrag Anna Slacks - aufgrund eines MIssverständnisses, warteten wir über ein Stunde auf sie, aber - Mann - hat sich dieses Warten gelohnt! Anna sprach über Helden und kontrastierte die klassischen Helden wie Achilles und Roland, aber auch 'NIchtkrieger', wie Hamlet oder den Heiligen Petrus, mit Bilbo. Die Kontrastierung lief im Wesentlichen auf die Gegenüberstellung legendär überhöhter Heldenfiguren mit dem Jedermann hinaus. Nun springt es einem ziemlich einfach ins Auge, dass in Bilbo ein recht gewöhnlicher Mensch/Hobbit abgebildet ist, der Außergewöhnliches leistet. So weit, so interessant, aber nicht unbedingt neu. Anna jedoch arbeitete heraus, dass man dies auch so lesen kann, dass das Gewöhnliche und damit die reale Welt in die Sekundärwelt eingreift und dadurch das Außergewöhnliche, die Welten von Phantastik und Legenden, befruchtend beeinflusst und umgekehrt vom Außergewöhnlichen befruchtet wird. Damit ist eine ganz eigene Tür zwischen Realität und Fiktion geöffnet - ich würde es sogar als Verbindung von Realität und Mythos, damit auch von Logos und Mythos bezeichnen.
Was gab es noch? 10 weitere Vorträge, die nicht ebenfalls zu besprechen, eigentlich ungerecht ist, standen sie dem Erwähnten doch nicht nach. Etwa Judith Klingers Beobachtungen über Schwellen und Schwellenübertretungen im Hobbit. Oder Fabian Geiers Evaluation von Magie bei Tolkien. Oder Dirk Vanderbekes harsche, aber ebenso zutreffende wie amüsante Kritik der Umsetzung des Hobbit in Comicform durch David Wenzel. Nicht minder erhellend als die Vorträge waren dann auch die Diskussionen in deren Anschluss, an denen allenfalls etwas unbefriedigend war, dass, wie fast immer, es jeweils die üblichen Verdächtigen waren, die sich beteiligten. Aber auch das brach in den Pausen und abends in der Gastwirtschaft auf, wenn es munter um Hobbit, Mittelerde und Fantasy in all ihren Aspekten ging.
Ich denke, wir haben den 450-Jahr-Feierlichkeiten der Uni keine Schande bereitet. Schade, dass es das schon wieder war ...
Gewinnspiel bei Christoph Hardebusch
Hier geht´s los.
Tolkien-Seminar in Jena 25. bis 27.4.
Die Seminare von DTG und WTP haben sich in der Vergangenheit als interessant, anspruchsvoll und hochinnovativ auf dem Gebiet der Tolkienforschung erwiesen. Nichts anderes ist von diesem Wochenende zu erwarten, das den Hobbit, jenes Werk, das der Welt die Tore zu Mittelerde öffnete, von allen Seiten beleuchten wird. Nachdem in jüngerer Zeit tiefgehende Arbeiten zum Hobbit erschienen, auf die wahrscheinlich in den meisten Vorträgen zurückgegriffen werden wird, ist zu erwarten, dass das Seminar den Hobbit in einer Weise erschließt, wie dies zuvor unmöglich war, haben doch namhafte Forscherinnen und Experten aus ganz Europa Themen eingereicht (zum Programm des Seminars).
Aber keine Angst, die Tolkienseminare der DTG sind weit weniger trocken und auslaugend als der hohe wissenschaftliche Anspruch vermuten lässt: bisher hat es noch nie an Spaß gemangelt und das nachvorträgliche soziale Miteinander in der schönen Jenaer Altstadt zeigte immer, dass auch Literaturwissenschaftler zu feiern verstehen - ganz wie es auch der Professor schätzte. Wer also die Möglichkeit hat, am Wochenende nach Jena zu kommen, sollte das für alle Besucher offene Seminar unbedingt aufsuchen.
Schließlich hat sogar die Friedrich-Schiller-Universität anlässlich der Veranstaltung neue Türen und Fenster im Hobbitstil bekommen, wie das folgende Foto dokumentiert:

Jetzt auf nach Jena, denn die Seminarergebnisse in Form der deutsch- und englischsprachigen Tagungsbände wird es erst Anfang 2009 zu erwerben geben.
Deutscher Phantastik Preis

Das Formular finden Sie unter: http://www.deutscher-phantastik-preis.de. Dort bitte auf "Vorrunde" klicken und Folgendes unter "Sekundärliteratur" eintragen: Frank Weinreich, Fantasy. Einführung, Essen: Oldib-Verlag 2007. Falls Ihnen zu den anderen Rubriken gerade nichts einfällt - es ist nicht nötig, alle auszufüllen.
Aber falls Ihnen zu "Bestes Werk international" nichts in den Sinn kommt, so möchte ich Ihnen die Nominierung von J.R.R. Tolkiens Die Kinder Hurins nahelegen, dass 2007, herausgegeben von Tolkiens Sohn Christopher, 34 Jahre nach seinem Tod als vielleicht letztes Buch des große Fantasyautors erschienen ist. Glauben Sie mir, diese Nominierung ist gerechtfertigt.
Herzlichsten Dank für Ihre Unterstützung!
Frank
