Hoffnungen und Ängste
angesichts der neuen Biotechnologien
Frank Weinreich
Die Ziele der neuen Biotechnologien (nB) bestehen aus einem
weiten Kanon bestehender und einem noch viel weiteren
Repertoire erwarteter beziehungsweise erhoffter
Möglichkeiten das Leben auf der Erde zu bewahren, zu
erleichtern, zu verändern und insgesamt zu verbessern.
Wobei diese Ziele positiv natürlich immer nur in Bezug auf
eine bestimmte Wertentscheidung sein können und damit
prinzipiell der Verhandelbarkeit unterliegen. Die Anwendung
der nB, beziehungsweise aller Technologie, bewirkt neben
den - in den Augen der Anwenderinnen und Anwender -
erreichten Ziele immer auch eine Reihe von
Begleiterscheinungen, die sich als Konsequenzen und
Nebenwirkungen charakterisieren lassen. Als Konsequenz oder
Nebenwirkung soll es in diesem Aufsatz um Aspekte gehen,
soweit sie sich als ``unbeabsichtigte, negative, indirekte
und möglicherweise mit großer Zeitverzögerung auftretende
Folgen'' (Grupp 1994, 56) absehen lassen. Die
wissenschaftliche Disziplin der
Technologiefolgenabschätzung1 unterscheidet zwei
Bereiche, denen ihr Erkenntnisinteresse gilt: Erstens
die Aufgabe, Chancen und Risiken der Anwendung von
Technik als direkte Technikfolge ``unter Rekurs auf
technisches Verfügungs- und wissenschaftliches
Prognosewissen'' zu evaluieren und zweitens auf der
Basis ``normativen Orientierungswissens'' (Skorupinski/
Ott 2000, 23) die Untersuchung jener sozialen Folgen,
die durch gesellschaftlich-technische Interdependenzen
entstehen können (vgl. Mohr 1998, 3). Da die nB -
gemessen einerseits an den in sie gesetzten großartigen
Zielen, die Menschheit zu verbessern und dabei Hunger
und Kriege abzuschaffen oder andererseits bezüglich der
mit ihrem Auftreten perhorreszierten Gefahren, mittels
der Genmanipulation die Welt zu unterjochen und eine
unfreie Gesellschaftsordnung für alle Zeiten zu
zementieren - zu Beginn des einundzwanzigsten
Jahrhunderts faktisch nur geringe Gestaltungsmacht
besitzt, wird es in diesem Aufsatz zu einem größeren
Teil um Spekulationen gehen müssen. Gerade im Licht der
Eutopien und Dystopien wird aber auch klar, welche
Bedeutung ethische Aspekte für die Anwendung der nB
haben. Der Gegensatz von erhofften Zielen und
befürchteten Nebenwirkungen lässt sich durch die
Gegenüberstellung der positiven und negativen
Spekulation illustrieren.
Stellvertretend für die große Anzahl von Stimmen, die sich
in der Debatte um die Anwendung der nB und hier besonders
der Gentechnik zu Wort melden, soll an dieser Stelle auf
zwei Bücher eingangen werden, die ihren befürwortenden
beziehungsweise ablehnenden Standpunkt in großem
Facettenreichtum und engagierter Nachdrücklichkeit
vertreten. Die erste Publikation ist ``Das geklonte
Paradies'' des amerikanischen Molekularbiologen Lee M.
Silver aus dem Jahr 1998 - dessen Originaltitel ``Remaking
Eden'' Programm für die Möglichkeiten ist, die der Autor
beschreibt. Ihm wird das im Jahr 2000 erschienene und von
der deutschen Journalistin Ursel Fuchs verfasste Buch ``Die
Genomfalle'' gegenübergestellt, deren Titel ebenfalls in
plakativer Weise andeutet, woruaf die Autorin hinaus will.
Die Positionen Silvers und Fuchs erinnern an einen Dialog
aus Huxleys\index{Huxley, Aldous|(} \emph{``Brave New
World''}, in dem der Vertreter der schönen neuen
Staatsordnung und ein Rebell ihre jeweiligen Positionen
vertreten:
``Controller: >>We prefer to do things
comfortably.<<
Savage: >>But I don't want comfort. I want God, I
want poetry, I want real danger, I want freedom, I want
goodness. I want sin.<<
>>In fact<< said the controller, >>you're
claiming the right to be unhappy.<<
>>All right then, << said the Savage defiantly,
>>I'm claiming the right to be unhappy.<<
>>Not to mention the right to grow old and ugly and
impotent; the right to have syphilis and cancer; the right
to have too little to eat; the right to be lousy; the right
to live in constant apprehension of what may happen
to-morrow; the right to catch typhoid; the right to be
tortured by unspeakable pains of every kind.<<
There was a long silence. >>I claim them all<<
, said the Savage at last." (Huxley 1998, 197)
Nun reden die huxleyschen Gesprächspartner offensichtlich
aus tiefstem Herzen glaubend aneinander vorbei, aber gerade
dadurch vertreten sie ihre Positionen in einer für die
aktuelle Debatte typischen Art und Weise. Ganz ähnlich
klingt dies bei Silver und Fuchs.
Silvers Erwartungen, das verlorene Paradies
wiederherzustellen, konzentrieren sich auf Aspekte der
Reproduktionstechnologie. Sie wird seiner Erwartung nach zu
weitgehenden gesellschaftlichen Veränderungen führen, die
``uns zwingen werden, liebgewordene, traditionelle
Vorstellungen - von Elternschaft, Kindheit und der
Bedeutung des Lebens selbst - zu überdenken und neu zu
formulieren'' (Silver 1998, 23). Dazu kommt eine
Unausweichlichkeit der Entwicklung, da feststeht, ``daß
reprogenetische Technologien zwangsläufig zum Einsatz
kommen werden. [...] Ob wir es gutheißen oder nicht, die
neue Zeit ist bereits angebrochen'' (24). Die
Zwangsläufigkeit bedeutet bei Silver jedoch keine
diktatorische Verfügung über das Individuum. Vielmehr
erwartet er ein Weiterbestehen freier und pluralistischer
Gesellschaften, die erlauben, sich der Verbesserung des
Erbguts zu entziehen. Und auch Silver erwartet, dass
Menschen diese Option ergreifen werden, wenn sich darüber
im Text auch ein unverständiges Kopfschütteln ausdrückt.
Deshalb wird die Entwicklung dann irgendwann soweit führen,
dass der Autor am Ende seiner Ausführungen mit großem Ernst
prognostiziert:
"Wenn die Anhäufung genetischer Erkenntnisse und die
Fortschritte der Technologien zur genetischen Optimierung
weiterhin mit der gegenwärtigen Geschwindigkeit vorangehen,
werden sich bis zum Ende des dritten Jahrtausends aus den
beiden Klassen der GenReichen und der Naturbelassenen zwei
Spezies entwickelt haben - zwei genetisch voneinander
vollkommen getrennte Arten ohne jede Möglichkeit zur
Kreuzung über die Speziesgrenzen hinweg.'' (317)
Der Weg, den die skizzierte Entwicklung nimmt, geht von der
Rechtfertigung heutiger Möglichkeiten der
Reproduktionsmedizin (Teil II) über die leidenschaftslose
Behandlung der Klonierung von Menschen (Teil III) zu neuen
Familienentwürfen und einer damit verbundenen Zunahme an
Freiheit der Planung und Exekution von Lebensentwürfen
(Teil IV) und der Genoptimierung des Menschen (Teil V) bis
zur soeben zitierten Aufspaltung der Menschheit in
``GenReiche'' und ``Naturbelassene'' . Ausgangslage ist
auch für Silver die evolutive Enstehung des Lebens nach dem
heutigen Erkenntnisstand von Physik, Chemie und Biologie
(Kap. 2), ohne allerdings einen Schöpfergott explizit zu
verneinen, sondern ihn als mit heutigen Mitteln nicht
sicher erkennbar anzusehen (50f.). Zwar versucht Silver
eine eindeutige Stellungnahme in der Diskussion um den
Beginn des menschlichen Lebens zu vermeiden (84f.), lässt
jedoch andererseits keinen Zweifel daran, dass der Embryo
kein menschliches Leben besitzt (61), dass auch für ihn
erst durch Selbstbewusstheit bestimmt scheint, ohne dass er
sich dabei aber auf den Personenbegriff einlässt (35ff.).
Dementsprechend bespricht der Autor zwar die ethischen
Bedenken, die gegen In Vitro Fertilisation (IVF) und
Präimplanationsdiagnostik (PGD = preimplantation genetic
diagnosis) angeführt werden (Kap. 5-7 u. 17 ), verwirft
diese jedoch im Allgemeinen und sieht wenige moralische
Schwierigkeiten in der Reproduktionsmedizin, die als eher
segensreich im Rahmen der Verwirklichung von Lebensplänen
und der Verhinderung von Krankheiten beschrieben wird.
Auch in diesem Zusammenhang wird die Zwangsläufigkeit der
Entwicklung betont, die weder staatlicherseits noch durch
moralisch motivierte gesellschaftliche Übereinkünfte und
Selbstbeschränkungen aufgehalten werden wird: ``Wenn
bestimmte Menschen bestimmte reprogenetische
Dienstleistungen suchen, werden sie auch jemanden finden,
der bereit ist, sie zu erbringen'' (108) und ``Versuche
[der Beschränkung von Embryonenselektion] sind sämtlich zum
Scheitern verurteilt'' (298). Dass ``nur die Wohlhabenden
[...] sich das auch leisten können'' werden (107), wird
dabei hingenommen und auch in Hinsicht auf die Aufspaltung
der Menschheit in zwei verschiedene Spezies - Silver greift
ausdrücklich das Bild von Eloi und Morloks aus H.G. Wells
``Time Machine''2 auf (318) - wird
dies zwar ein wenig bedauernd konzediert, eine
Beendigung der Genoptimierung aus Gerechtigkeitsgründen
wird jedoch als ``hoffnungslos'' angesehen (320).
Die eminente Gefahr, die hinter
einer solchen Zweiteilung lauert wird von Silver vollkommen
vernachlässigt. Jürgen Habermas gründet seinen
eindringlichen Appell auf äußerste Vorsicht bei der
Anwenung der Biotechnologien im wesentlichen auf eine
Gattungsethik, die Verbindlichkeit daraus bezieht, dass
Menschen einer Gattung angehören und sich deshalb
gegenseitig bestimmte Verhaltensmuster schulden (Habermas
2001). Die Vorstellung, dass die menschliche Gattung sich
mittels einer weiterentwickelten Gentechnik in Sklaven- und
Herrenrassen aufspalten könnte ist Thema einer Reihe von
fiktionalen Werken, wurde aber auch verschiedentlich schon
in die wissenschaftliche Debatte eingeworfen, etwa von Dan
Brock (1994) und Francis Fukuyama (2002). Welche Bedeutung
eine Aufspaltung der Menschheit haben könnte, die bei
Silver friedlich in Form einer unproblematischen Trennung
beschrieben wird, finde ich in den folgenden zwei etwas
längeren Zitaten eindrücklich beschrieben:
``Heute sind viele intelligente und erfolgreiche junge
Leute davon überzeugt, daß sie ihren Erfolg Zufällen der
Geburt und der Erziehung verdanken, andernfalls hätte ihr
Leben einen anderen Verlauf genommen. Sie haben, mit
anderen Worten, das Gefühl, Glück gehabt zu haben, und sie
können Wohlwollen für Menschen empfinden, die weniger Glück
hatten als sie. Aber in dem Ausmaß, wie es
>>Wunschkinder<< geben wird, die von ihren
Eltern im Hinblick auf bestimmte Eigenschaften selektiert
worden sind, wird sich zunehmend die Überzeugung
durchsetzen, daß Erfolg nicht nur auf Glück beruht, sondern
auf richtigen Entscheidungen und Plänen von Eltern. Daher
werden diese Kinder den Erfolg als etwas betrachten, das
sie verdienen. [...] Kurzum, sie werden sich als
Aristokraten vorkommen, und anders als beim alten Adel wird
der Anspruch, aufgrund der Herkunft besser als andere zu
sein, sich auf die Natur und nicht auf Konventionen
stützen.'' (Fukuyama 2002, 220).
Ist diese meines Erachtens sehr gut nachvollziehbare
Argumentation schon erschreckend genug, so gilt dies in
gleichem Maße für die Annahme, dass es andererseits aber
auch zu einer gewalttätig erzwungenen genetischen Egalität
kommen könnte, wenn die Menschen die Spaltung nicht
hinnehmen:
``Was die Politik der Zukunft angeht, so ist dies
vielleicht einer der wenigen Punkte, an dem die Menschen
sich so erregen können, daß sie zum Kampf bereit sein
werden. Hier spreche ich nicht von Kampf im übertragenen
Sinne von Diskussionen unter Prominenten im Fernsehen und
Debatten im Parlament, sondern davon, daß man tatsächlich
zu Gewehren und Bomben greift, um sie gegen andere Menschen
einzusetzen. In unseren reichen, selbstzufriedenen
liberalen Demokratien gibt es heute nur wenige politische
Themen, die die Menschen so furchtbar aus der Fassung
bringen können, aber die Schreckensvorstellung wachsender
genetischer Ungleichheit kann möglicherweise die Leute von
ihren Sofas und Fernsehapparaten weg auf die Straße
locken.'' (221f.)
Noch ist selbstverständlich unklar, ob es jemals möglich
sein wird, Menschen auf technischem Wege in der
angenommenen Form auseinander zu entwickeln. Doch wenn man
dies, wie Silver es ja nun einmal tut, annimmt, so scheint
mir die sorglose Behandlung des Themas nicht angemessen.
Wenn bei Fukuyama auch dramatische Bilder Verwendung finden
wie das einer Zweiteilung der Menschheit in solche, die mit
Sätteln auf dem Rücken geboren werden und solche, denen
Stiefel und Sporen angeboren sind (216), so ist dies doch
nur ein anschaulicher Ausdruck der eigentlich
unterliegenden Gefahr, der Aufweichung und Abschaffung
zentraler Begriffe wie dem der Menschenwürde. Wenn Menschen
einst in geschiedenen Spezies existieren sollten, kann eine
übergreifende Forderung nach Achtung der Menschenwürde
nicht mehr formuliert werden, da eine einheitliche
menschliche Gattung nicht mehr vorhanden wäre, auf die sich
die Forderung bezöge.Dieser Punkt wird im dritten Teil der
Arbeit wieder wichtig werden, wenn ich Vorschläge zur
ethischen Diskussion unterbreite, für die Fragen nach der
Natur des Menschen und einer Menschenwürde bedeutsam sind.
Die Klonierung von Menschen wird zunächst dahingehend
behandelt, dass der Autor die technischen Schwierigkeiten
als lösbar beschreibt (139ff.) und Zweifel an der
Individualität und echten Menschlichkeit von Klonen
ausräumt (145: ``Wird deutlich, was ein kloniertes Kind
sein wird: Ein zu einem späteren Zeitpunkt geborener
identischer Zwilling''). Dann versucht Silver mit Bezug auf
Huxleys 'Schöne neue Welt-Szenario' nachzuweisen, dass
politisch motivierte Sorgen einer sinister motivierten
Menschenklonierung zur Etablierung und Sicherung
totalitärer Systeme wenig Realismus beweisen (146ff.) und
reproduktives Klonen wohl nur als Folge individueller
Entscheidungen durchgeführt werden wird (167). Das Thema
wird abgeschlossen mit Hinweis auf die vielfältigen
medizinisch segensreichen Möglichkeiten des therapeutischen
Klonens (172ff.), die letztlich den Menschen der
Unsicherheiten seines biologischen So-Seins entheben
werden: ``Durch eine Kombination der Klonierungstechniken
mit anderen gentechnischen Methoden [...] wird die
menschliche Spezies in die Lage versetzt werden, das eigene
Schicksal, die eigene Zukunft unter Kontrolle zu bekommen''
(177).
Die folgenden Kapitel über die vielfältigen Möglichkeiten
der Reproduktion und gentechnischen Interventionen bieten
ein Mehr des gleichen optimistischen Stoffs, der die
Verfügungsgewalt des Menschen über sich selbst zu weiteren
Potenzen erhebt und die Anwendungspraxis mehrheitlich als
verantwortlich und rational projiziert. Letztlich werden
durch die konsequente Anwendung der nB nicht nur alle
genetisch bedingten Krankheiten geheilt werden, sondern
auch Utopien verwirklicht werden, die ausgangs des
Mittelalters ähnlich auch schon bei Thomas Morus zu finden
waren, mit dem einzigen Unterschied, dass die Lösungen
anders als in Utopia nicht in der Erziehung und der
politischen Organisation, sondern allein in einer
Modifikation der biologischen Grundlagen gesucht werden.
Immer wiederkehrende Topoi sind die Unausweichlichkeit
dieser Entwicklung, die eingebettet in den Glauben ist,
dass die Individuen nur das Beste für sich und ihr Umfeld
wünschen und die Rationalität aufbringen werden, dies auch
durchzusetzen. Desweiteren sind bemerkenswert der Glauben
an die Entscheidungsfreiheit für oder gegen die Applikation
einzelner Maßnahmen, der ungetrübt ist von der diesem
eigentlich entgegengesetzten Unausweichlichkeit der
Entwicklungen in der Gentechnologie und ihrer Anwendung,
die immer wieder unterstellt wird, sowie die Sorglosigkeit,
mit der materielle Ungleichheit, die Viele von den
Segnungen der Gentechnologie ausschließt, ohne irgendwelche
Gegenmaßnahmen ergreifen zu wollen hingenommen wird. Silver
nimmt die Rolle des Controllers in Huxleys Dialog ein und
stellt in Aussicht, die Leiden und Unsicherheiten des
Lebens durch die Segnungen der nB in die Schranken zu
weisen, bis hin zur Abwendung von Älterwerden, Hässlichkeit
und Impotenz (327). Dieses selbstgewisse Bild wird nur
getrübt von einem in diesem Kontext eigentlich wenig
nachvollziehbaren Zweifel an der eigenen Vision, wenn
Silver einen fiktiven Wissenschaftler des 24. Jahrhunderts
namens Varship denken lässt: ``Es war zu spät, resümierte
Varship. Zu spät, um überhaupt noch etwas zu unternehmen,
\emph{resignierte er hilflos}'' (322, Hvhbg. v. mir).
Der Aufbau der "Genomfalle" ist ein gänzlich anderer, die
Eindeutigkeit der - diametral entgegengesetzten - Intention
der Autorin ist der Lee Silvers aber durchaus vergleichbar.
Ursel Fuchs behandelt die gesamte Bandbreite der
Anwendungsmöglichkeiten der nB von der Botanik über die
Zoologie zum Menschen und dort alle Aspekte von prädiktiver
Medizin, Gentherapie, Selektion und Eugenik. Alle Aspekte
werden primär im Zusammenhang mit ihrer gesellschaftlichen
und politischen Bedeutung aufgezeigt. Die Darstellung
bleibt dabei durchweg einseitig den Risiken verhaftet.
Legitimiert wird die Einseitigkeit durch das Motiv, mit
ihrer Publikation eine Streitschrift vorzulegen, die einer
von der Autorin so empfundenen Blindheit der
Chancenpräferierung auf Kosten einer Risikoanalyse entgegen
wirken soll: ``Chancen bietet alles, was kurzfristig
erreichbar und am Markt privatwirtschaftlich nutzbar ist im
Sinne ökonomischer Interessen und Mächte. Risiken haben
längere Laufzeiten, drohen weniger den Verursachern als oft
der nächsten Generation'' (Fuchs 2000, 12). Die
inhaltlichen Einwände, die Fuchs gelten macht, sind
besonders im Lichte eines Buches wie des "Geklonten
Paradieses'' von Bedeutung, da diese Einwendungen ethisch
neuralgische Punkte oftmals genau treffen, die bei Silver
gar nicht erwähnt oder in einer argumentativ wenig
überzeugenden Weise untergepflügt werden.
Die Ausgangslage aller Überlegungen ist für Fuchs ähnlich
wie bei Eva Neumann-Held und Brian C. Goodwin die Kritik an
einem Genzentrismus von fast metaphysischem Gehalt, die sie
pointiert in eine Kritik am Machbarkeitswahn überführt, der
vom falschen Bild genetischer Determination fort zum -
ihrer Meinung nach - wahren Bild einer Unterwerfung des
Menschen nicht unter die Herrschaft der Gene, sondern der
Kontrolleure von Gentechnologien hin weist (Kap. 1). Damit
drückt sich jedoch eigentlich auch der gleiche Glaube an
die Macht der Wissenschaft aus wie bei Silver, nur mit
umgedrehtem Vorzeichen bezüglich der intendierten
Wirkungen:
``Wirkliche Macht haben nicht die Gene, sondern die
Menschen, die für Genforschung als virtuelle Quelle
jeglicher Heilung werben, und sie dann nach den faktischen
Möglichkeiten ihres Könnens nutzen und anwenden: mit Macht
zu Kontrolle, Macht zur Selektion, Macht zu Manipulation,
Macht auf Weltmärkten, Macht zur Umgestaltung und Aneignung
all dessen, was lebt auf unserem Planeten. Der Genpool wird
als primäre Rohstoffressource verwendbar und nutzbar im
Rahmen weltweiter ökonomischer Strategien.'' (22)
Die inhaltliche Kritik beginnt im fünften Kapitel unter der
Überschrift ``Todesfälle, Zwischenfälle - keine Heilung''
(42) mit einer Bilanz der bisherigen Erfahrungen aus der
Gentherapie, bei der die Autorin am Beispiel der Therapie
mittels viraler Vektoren ``nicht nur keinen Nutzen'',
sondern auch eine Verletzung des Prinzips ``primo nil
nocere'' (zuallererst nicht schaden) feststellt (Kap. 5,
Zitat 46) und dies letztlich auf die gesamte Gentherapie
überträgt. Die Wirksamkeit medizinischer Maßnahmen wird
einzig auf dem Gebiet der prädiktiven Medizin festgestellt
(``Was kann Gentechnik am besten? Testen!'', 72). Genau
diese Fähigkeit aber ist mit psychischen und
gesellschaftlich-ökonomischen Problemstellungen verbunden,
welche von der Diagnose aufgeworfen aber nicht gelöst
werden können (vgl. Kap. 7, 8 u. 10). Denn die Fragen, die
sich nach auffälligen Testbefunden stellen, sind erstens,
wie das betroffene Individuum mit einer Testung umgehen
soll, die die Prädisposition zu einer gravierenden
Krankheit ergibt. Verbunden damit ist außerdem die Frage
welche Schlüsse aus verschiedenen Wahrscheinlichkeitsgraden
für das Ausbrechen einer Krankheit gezogen werden können,
die von sicherem Ausbruch bei Vorliegen des Allels für
Chorea Huntington bis zu einem nur wenig spezifischen
Risiko für Brustkrebs reichen kann. Zweitens stellt sich im
Zusammenhang mit den Testergebnissen die Frage nach der
Nutzung derartiger Informationen durch interessierte Dritte
wie potenzielle Arbeitgeber und Versicherungen. Hier
eröffnet sich ein weiter Reigen der Informationsnutzung zum
Schaden der Betroffenen, die eventuell Nachteile in den
Sozialversicherungen oder auf dem Arbeitsmarkt gewärtigen
müssen. In der Folge dieses Problemkreises drohen eine
Entsolidarisierung der Gesellschaft, die existenzielle
Lebensrisiken dem Einzelnen aufzubürden droht (81), eine
``Präventions-Diktatur'', die die Freiheit der
Lebensführung beschneidet (78f.) sowie eine Auflösung des
herkömmlichen und ehedem vertrauensstiftenden
Arzt-Patienten-Verhältnis, wenn ``noch-nicht-kranke
Menschen [...] noch-nicht-heilen-könnenden Medizinern''
gegenüberstehen (75). Die Überlegungen werden durch
Beispiele gestützt, die zeigen dass die ersten negativen
Folgen dieser Art im bisherigen Umgang mit Gentests schon
beobachtet werden konnten (Kap. 12-14).
Ein breites Anwendungsfeld der
prädiktiven Medizin ist mit den Reproduktionstechnologien
verbunden. Und bezüglich praktisch aller Gesichtspunkte, in
die das "Geklonte Paradies'' Hoffnungen setzt, gelingt es
Fuchs Zweifel an den Erfolgsaussichten zu belegen oder die
eigentlichen Motivationen zu hinterfragen beziehungsweise
mögliche Aberrationen der Motive in den Mittelpunkt der
Kritik zu stellen. Aus den bestehenden Möglichkeiten zur
Verhinderung von Erbkrankheiten und den zukünftigen Chancen
der pränatalen Behandlung leitet die Autorin einen zu
befürchtenden gesellschaftlichen und ökonomischen Zwang ab,
wenn sie annimmt, dass es fraglich wird, ``ob Eltern dann
überhaupt noch die Wahlfreiheit haben, sich für ein Kind
mit einer Krankheit oder Behinderung zu entscheiden''
(129ff., Zitat 130). Auch Fuchs geht davon aus, dass eine
'wohlmeinende' Eugenik von unten zu befürchten ist, die aus
gesellschaftlichem Druck entsteht (140). Nachteile
befürchtet die Autorin nicht nur für ungeborene Kinder mit
möglichen Gendefekten, die nicht ausgetragen zu werden
drohen, sondern eine Übertragung eugenischer Denkweisen,
die in der Folge der medizinischen Entwicklung, Behinderte
allgemeine betreffen wird. Ihrer Meinung nach bestehen
``kaum Zweifel'' daran, dass ``eine Zulassung der PID (PID
steht für das gleiche wie PGD = Präimplantationsdiagnostik)
zu einer zunehmenden Diskriminierung, Stigmatisierung und
Entsolidarisierung von chronisch Kranken, Behinderten und
deren Familien führt'' (159). Die weiteren Themen sind
Keimbahntherapien, denen unter positiv- wie
negativeugenischen Aspekten attestiert wird, einem
technokratischen Menschenverständnis allein in Hinsicht auf
Effizienzsteigerung folgen zu wollen (Kap. 20).
Fuchs weist sodann mit Bezug auf den wirklich äußerst
merkwürdigen Vorgang der ``versehentlichen'' (177)
Patentierung eines Verfahrens zur Genmanipulation durch das
Europäische Patentamt auf die ethische Problematik der
Patentierung von Genen hin, die den bedeutsamen Unterschied
von ``Erfindung'' und ``Entdeckung'' verwischen (180).
Warnungen vor einer neuen Qualität des Verlustes der Hoheit
über die eigenen Daten angesichts genetischer
Screenmöglichkeiten (Kap. 23 u. 24) und vor der Gefahr des
Missbrauchs der nB zu Rüstungszwecken (Kap. 25) schließen
diesen Teil ab. ``Die Genomfalle'' endet mit vier Kapiteln
zum Thema Ethik. Bioethik wird hier einseitig als
Feigenblatt der Bioindustrie aufgefasst. Dies wird auch mit
einer großen Anzahl von Hinweisen 'belegt', unter denen
Befürworter verschiedenster Teilbereiche biotechnologischer
Maßnahmen kritisiert werden. Bezüglich des übergeordneten
Themas ``mysteriöse Bioethik'' (219) fällt auf, dass
sämtliche befürwortenden Stimmen als bioethische,
bioethisch motivierte Aussagen oder als Aussagen von
Bioethikern bezeichnet werden3, während die
entsprechenden Gegenstimmen keine Äußerungen zur
Bioethik zu sein scheinen, da diese Ausdruck einer
universalen Ethik sind, vor der Bioethik keinen Anspruch
auf Bestand als Ethik hat (vgl. 216: ``gibt die
>>Bioethik<< auch bei uns vor, eine
gleichrangige [...] Spezialethik zu sein''). Diese
irritriende Sichtweise, die mit dem eigentlichen
Charakter von Bioethik als einer wissenschaftlichen
Grundsätzen folgenden Partikularethik aus dem Bereich
der praktischen Ethik nichts zu tun hat4, ist irritierend
und muss bei der Lektüre des Buches als Spezifikum
beachtet werden. Die Sorge, die Fuchs damit nämlich
ausdrücken will ist, dass sich unter dem falschen
Etikett einer ethischen Herangehensweise an die
Themenbereiche der Biotechnologie
wirtschaftlich-technokratische Interessen durchzusetzen
versuchen, denen die Autorin nicht weniger zutraut, als
``alles Sein zu biologisieren'' und unser ``Menschenbild
jüdisch-christlicher Tradition'' zu ersetzen.
Neben dem Verdienst, auf eine Reihe ethisch bedeutsamer
Probleme aufmerksam zu machen, zeichnet sich die
"Genomfalle" leider durch eine Reihe von Pauschalisierungen
und Verdächtigungen aus, die sich meist nur in Andeutungen
verlieren, ohne echte Beweise für Fehlverhalten zu liefern.
Die im obigen Zitat explizierte Konzentration auf
unterstellte wirtschaftliche Interessen durchzieht das
gesamte Buch und wird oftmals als einziges Motiv für
Forschung und Anwendung der nB angesehen5. Desweiteren fällt
auf, dass Fuchs auch dazu neigt, beteiligte Forscher
pauschal dem Verdacht zu unterstellen, eigennützig
beziehungsweise nicht aus Erkenntnisinteresse, sondern
aus wirtschaftlichen Gründen und Einflussinteressen
heraus zu handeln: ``Wissenschaftler ohne Bindung an die
Industrie sind [...] selten geworden wie Riesenpandas in
der freien Wildbahn'' (34)6. Diese oft nicht
beweisbaren Verdächtigungen und weitere Schwächen in der
Form offensichtlicher inhaltlicher Fehler - wie der
Datierung von Darwins ``Entstehung der Arten'' auf das
Jahr 1883 und der ``Abstammung des Menschen'' auf 1902
(133) -, in der Form fragwürdiger Aussagen7 oder durch das
sorglose Zitieren von ``Gerüchten'' (208) beschädigen
die Glaubwürdigkeit der Publikation mit ihren eigentlich
wichtigen Einwänden. Etwas weniger journalistische
Verve, die am besten durch ein gewisses Maß an
differenzierender Reflexion ersetzt worden wäre, hätte
den Argumenten das Gewicht verliehen, das sie eigentlich
verdient hätten.
Zu der pauschalen Ablehnung von Medizin, die auf
gentechnischen Methoden basiert, wie sie in der
"Genomfalle" zum Ausdruck kommt, ist folgender Einwurf zu
tätigen. Stellt es nicht eine für den Betroffenen und
besonders den potenziell zukünftig Betroffenen unzulässige
Negativromantisierung dar, wenn ``Gentechnik als
materialisierte Manifestation von Liebesmangel'' (235)
bezeichnet wird, die besser durch die liebende Annahme der
Erkrankten ersetzt werden sollte? Natürlich ist die
liebende Annahme des Anderen, gerade wenn er gehandicapt
ist, eine zutiefst humane Forderung, die jeder Ethik zur
Ehre gereicht. In Fragen der Verwirklichung von
Lebensplänen, also in Fragen grundlegender Freiheit des
Menschen ist aber die Vermeidung von Behinderung zumindest
in ihren schweren Formen eine Forderung, der nicht
nachzugeben, wenn dies möglich ist, unmoralisch wäre.
Zu fordern ist eine unbedingte Solidarität mit Erkrankten,
Behinderten, Leidenden - die es aufgrund von Unfällen und
Krankheiten auch im geklonten Paradies noch geben wird -,
es ist aber nicht einzusehen, dass die Freiheit von
Menschen, denen geholfen werden könnte , ihr Leben nach
bestem Vermögen zu verfolgen, auf dem Altar einer falsch
verstandenen Form von Solidarität geopfert werden sollte.
Die Autorin weist darauf hin, dass nur 1,5\% aller Kinder
mit genetisch bedingten Fehlbildungen zur Welt kommen und
meint sodann, dass ``eine Wohlstandsgesellschaft damit
leben können sollte'' (123). Bezogen auf die Gesellschaft
ist das zweifellos richtig, bezogen auf die ungefähr 1000
Einzelschicksale, die in Deutschland davon jährlich
betroffen sind, stellt sich die Frage, wie die Betroffenen
damit leben, in einer völlig anderen Schärfe.
Völlig verfehlt scheint mir in diesem Zusammenhang eine
Diskussionsweise, die kraft der Doppeldeutigkeit ihrer
Formulierungen falsche Verbindungen zur Sprache der
nationalsozialistischen Mörder knüpft. Der Soziologe Ulrich
Beck schreibt: ``Es ist mehr als eine sprachliche
Unkorrektheit, wenn immer davon die Rede ist, dass man die
Erb\emph{krankheiten} bekämpfen will. Tatsächlich werden
auf diese Weise die Erbkranken abgeschafft'' (Beck 1991a,
147; Hvhbg. i. Orig.). Es ist semantisch nicht einmal
völlig falsch, dass die Erbkranken letztlich 'abgeschafft'
werden sollen - auch wenn es eigentlich um die Verhinderung
des Ausbruchs von Krankheit geht. Doch anders als gerade
diese becksche Formulierung eben in erster Linie nahelegt,
sollen natürlich keinesfalls jetzt lebende Menschen
abgeschafft werden. Es sollen selbstverständlich gar keine
Menschen 'abgeschafft', sondern nur der Ausbruch
zukünftiger Erbkrankheiten verhindert werden. Und es ist
aus einem weiteren Grunde völlig falsch, die Bemühungen der
Medizin als ``Abschaffung der Erbkranken'' zu bezeichnen.
Die Krankheit ist nur ein akzidenzielles Merkmal eines
bestimmten Menschen, das nicht zu dessen Bestimmung taugt,
der also erst gar nicht als ``Erbkranker'' etikettiert
werden dürfte. Dies allerdings sieht auch Beck ähnlich und
führt dies am angegebenen Orte explizit aus, ohne sich
freilich der inkrimierenden Bezeichnung enthalten zu wollen
- mit der er zwar sicher nicht die erkrankten Menschen,
sondern die technokratische Medizin treffen wollte. Aber
auch dieser gegenüber ist diese Demagogie unfair. Da also
eigentlich gemeint ist, Krankheiten verhindern zu wollen,
sollte dies auch so genannt werden und nicht mit Worten
ausgedrückt werden, deren vorzügliche Konnotation in eine
Richtung weist, die verantwortungsvolle Medizin und
Wissenschaft auf das Schärfste ablehnen.8
Fuchs stellt die schon zitierte Frage, ``ob Eltern [...]
die Wahlfreiheit haben, sich für ein Kind mit einer [...]
Behinderung zu entscheiden?'' (130). Diese Frage stellt
sich in der Tat. Jedoch nicht nur aus den angeführten
sozialen und ökonomischen Gründen, sondern auch und
besonders aus ethischen Gründen, die das Individuum
betreffen. Wenn die einzige Möglichkeit der Verhinderung
von Krankheit das Nicht-zur-Welt-kommen-lassen ist, wie
dies heute noch für die meisten Erkrankungen aufgrund
mangelnder therapeutischer Potenz der Fall ist, ist die
Frage nicht einfach zu beantworten, da die Alternative zur
behinderten Existenz dann die Nichtexistenz ist. Ist die
Alternative jedoch die erfolgversprechende Therapie, fällt
die Beantwortung meines Erachtens viel leichter und kann
moralisch eigentlich nur in einer Bejahung des Eingriffs
bestehen. Die Schweizer Theologin Iréne Häberle schreibt
folgende Sätze aus einem sicherlich zutiefst empfundenen
Gefühl zwischenmenschlicher Solidarität heraus und trotzdem
drohen sie meiner Meinung nach in unzulässiger Weise zum
Wohle eines 'höheren' Ziels, über das legitime Interesse
von Individuen an Unversehrtheit hinweg zu gehen: ``Leiden,
Krankheit, Behinderung und Tod geht [...] jeden etwas an,
und zwar nicht deshalb, weil jeder Mensch [...] mit diesen
Tatsachen in [...] Berührung kommt, sondern weil [sie] zum
vollen Menschsein gehören. Behinderte Menschen erinnern uns
somit alle an unser eigenes Menschsein'' (zit. n. Mieth
2001, 99; Hvhbg. i. Orig.). Auch wenn es einer solchen
Erinnerung bedarf - ein solcher Hinweis erscheint in der
Tat manchmal nötig angesichts einer Gesellschaft, die
Jugend, Gesundheit und Schönheit zu Werten zu erheben
droht, die Jene ausschließen, die all dies nicht (mehr)
sind -, ist Niemandem eine solche Bürde zuzumuten, wenn sie
auch verhindert werden kann.
Die Aufforderung zur Solidarität mit Kranken und
Behinderten entstammt einer Zeit, in der die Medizin wenig
oder nichts tun konnte, um Betroffenen zu helfen, deren
Existenz dann wenigstens durch Zuwendung und Annahme durch
die Gesellschaft verbessert werden konnte und dergestalt in
Form erweiterten humanitären Denkens rückwirkend einen
begrüßenswerten Einfluß aus das ethische Bewusstsein von
Gesellschaften hatte. Heutige und zukünftige Möglichkeiten
der Medizin abzulehnen beziehungsweise ihre Möglichkeiten
nicht ausschöpfen zu wollen, um sie allein durch 'liebende
Annahme' substituieren, ist moralisch nicht haltbar.
Oftmals wird in diesem Zusammenhang auch ausgesagt, dass
Krankheit einen eigenen Sinn habe. Dieser wird dann oft so
beschrieben, dass Krankheit dazu diene, Menschen klar zu
machen, dass Leben immer auch Leid und Verfall beinhalte.
Das ist in dieser Formulierung unsinnig und führt zu einer
falschen Schlussfolgerung. Krankheit selbst hat nicht den
geringsten Sinn, ausser dass im Falle von
Infektionskrankheiten darauf verwiesen werden kann, dass
hier ein Organismus (ein Parasit, ein Bakterium) ein Leben
führt und seine Existenz behauptet. Krankheit erinnert
daran, dass Leben auch Leiden und Verfall bedeutet. Dies
ist ein Sinn, den der Mensch einer Erkrankung ebenso wie
einem Unfall in der Weise zuweisen kann, dass dieser Sinn
sich auf sein Leben bezieht und unter Umständen eine
bewusstere Lebensführung auslösen kann oder zu mehr
Mitgefühl mit der leidenden Kreatur und einer höheren
Integration von Kranken, Sterbenden und Behinderten führen
kann. Der Sinn ist aber nicht in der Krankheit zu suchen,
sondern in der Interpretation der Erkrankung als
reflexionsauslösendes Moment insbesondere für Jene, die
sich dessen auf andere Weise nicht bewusst zu werden
vermögen.
Dieser Befund geht über Haarspalterei aus dem Grund hinaus,
dass damit Krankheiten und Behinderungen schon auf der
deskriptiven Ebene die Schutzwürdigkeit nicht zugebilligt
wird, die sich in romantisierenden Beschreibungen von
Krankheiten als 'irgendwie sinnvoll seiend' andeutet.
Krankheit und Behinderung sind Fakten, mit denen die Welt
leben muss und es ist unbestritten, dass sie das oftmals
nicht angemessen tut. Aber wenn Krankheit und Behinderung
vermeidbar sind, kann es nicht unethisch sein, auf die
Vermeidung hinzuwirken, nur weil das Leiden Menschen unter
Umständen an andere Werte gemahnt.
Mir ist bewusst, dass ich damit etwas salopp über die
schwierige Diskussion darüber, was als Krankheit zu
verstehen ist und inwieweit Normsetzung Freiheitswerte
bedroht (vgl. bspw. Mieth 2001, 99ff.), hinweggehe. Doch
scheint mir schwerste Behinderung intuitiv als solche
erkennbar. Schwerste Behinderung bedeutet dabei nicht, dass
das Leben nicht wert wäre, es zu führen - sie bedeutet aber
schon, dass eine Abwesenheit dieser Form der Behinderung
intuitiv und nach allem gesunden Menschenverstand
vorzuziehen wäre und als bloße ``Erinnerung'' an eine
humanen Idealen folgende Lebensführung für die
Gesellschaft, dem erleidenden Individuum unzumutbar ist.
Der gesellschaftliche Nutzen, der aus einer Behinderung
'gezogen' werden kann, hat vor dem Einzelschicksal
zurückzustehen, wenn das Individuum diesem auf seine Kosten
entstehenden Nutzen nicht zustimmt oder zustimmen kann. Die
Werke Kafkas und Nietzsches bspw. erklären sich wenigstens
zum Teil aus der psychischen Konstitution der Verfasser,
die von Schwermut, ja Verzweiflung gezeichnet war. Hätten
beide - überspitzt gesagt - potente Stimmungsaufheller wie
Prozac zur Verfügung gehabt wären vielleicht weder der
"Prozeß" noch der "Zarathustra" je entstanden - zu unserem
großen kulturellen Verlust. Hätte man ihnen aber das Mittel
verwehren wollen oder dürfen? Nein!
Im Dialog zwischen 'Controller' und 'Savage' liegen beide
falsch. Die Entscheidung für eine Existenz in mediokrer
Sicherheit kann nur in einer unfreien Gesellschaft
resultieren wie Huxley sie zeichnet. Diese Existenz ist
inhuman, da sie in der Tat Gott, Poesie, Freiheit,
Reinheit, Gefahr und Sünde zugunsten eines mechanischen
Mittelmaßes ausschließt. Auf der anderen Seite wäre es
zynisch, auch angesichts einer schwersterkrankten Existenz
das Recht auf unerträgliche Schmerzen einzufordern,
besonders wenn diese Forderung von Gesunden kommt, die das
Risiko pränataler Schädigung nicht mehr zu gewärtigen
haben. ``I claim them all'' ist eine unzulässige
Romantisierung im Angesicht einer möglichen Behebbarkeit
schwerer Erkrankungen. Die Entwicklung der Medizin bis
dahin, kann jedoch unter dem Vorzeichen undifferenzierter
Ablehnung der nB gar nicht erst stattfinden. In Fragen der
weiteren Erforschung therapeutischer Möglichkeiten auf
Grundlage einer Fortentwicklung der nB und der weiteren
Entwicklung des gesellschaftlichen Verständnisses von
Behinderung scheint mir die einzig richtige Forderung zu
sein, beides zu fördern. Das eine tun und das andere nicht
unterlassen ist die korrekte Antwort! Kritik üben, aber die
Chancen bewahren, ist die Botschaft der parallelen Lektüre
so gegensätzlicher Positionen wie der unkritischen
Fortschrittsgläubigkeit von Silverund der falsch
verstandenen Romantisierung des Leidens bei Fuchs.
Die Beurteilung der nB -
besonders in der plakativen Einseitigkeit von Publikationen
wie jener von Ursel Fuchs und Lee Silver - sind mit
hochgreifenden Hoffnungen und Ängsten verbunden, die in
ihrer Extremität bei ruhigem Nachdenken wenig zu überzeugen
vermögen. Selbst von einem utopischen Standpunkt aus,
scheint die skizzierte Einseitigkeit von Erlösung oder
Verdammnis übertrieben. Aber schon die bestehenden
Möglichkeiten der Gentechnik und der modernen Medizin sind
so machtvoll, dass ihre sozialen und philosophischen
Implikationen auf die tiefere Bedeutung wieder aktuell
werden lassen, die in dem Dialog zwischen Kontrolleur und
Wildem steckt, auf den Huxley die gesamte Erzählung aus der
schönen, neuen Welt hinauslaufen lässt. Diese Bedeutung ist
in den Positonen von ``comfort'' und ``unhappiness'' zu
suchen, die eigentlich für 'Sicherheit' und 'Freiheit'
stehen. Ist das so, dann liegt die Vermutung nahe, dass
innerhalb des dadurch eröffneten Spannungsverhältnisses ein
Ausgleich zu suchen ist. Die Basis dafür kann nur in
ethischen Überlegungen und Auseinandersetzungen zu suchen
sein, die damit als eine der notwendigen Bedingungen für
die Akzeptanz aber auch die Legitimität der
Anwendungspraxis der nB - und natürlich nicht nur der neuen
und nicht nur der Bio-, sondern jeglicher Technologie.
Welche Rolle Ethik in Bezug auf die nB zu spielen hat und
warum ich dies imperativisch ausdrücke, ist Inhalt des
folgenden Abschnitts.
1 Der eigentlich einschlägige Terminus
lautet Technikfolgenabschätzung. Heiner Hastedt hat
jedoch zurecht vorgeschlagen, von
Technologiefolgenabschätzung zu sprechen, um den
``Gesamtkomplex von Forschung und
Forschungsanwendung'' zu bezeichnen (Hastedt 1991,
124). (zurück)
2 Das Bild ist illustrativ bzgl. der
Weite der divergierenden Entwicklung, die Silver
unterstellt, es hat jedoch mit der Intention der
wellsschen Vision nichts zu tun. Wells versucht in
"The Time Machine" gerade vor den Gefahren eines
rein technokratisch-kapitalistischen Zeitalters zu
warnen, das den Menschen auf Seiten der Kapitalisten
wie der Arbeiter inhuman werden lässt und ihm
jegliche Würde raubt (Wells 1924): ``Ages ago [...]
man had thrust his brother man out of the ease and
the sunshine. And now that Brother was coming back -
changed.'' (75) ``These Eloi were mere fatted
cattle, which the ant-like Morlocks preserved and
preyed upon'' (81). (zurück)
3 Die Befürwortung einer
Verminderung des Lebensschutzes Ungeborener
gegenüber Geborenen wird als ``krass bioethisch''
bezeichnet (138), Hans-Martin Sass ist als
Befürworter der Keimbahntherapie ein
``ausgewiesener Bioethiker'' (156), dem
Vorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands
Manfred Kock wird vorgeworfen, die Menschenwürde
``bioethisch wegdefinieren'' zu wollen (225), die
Bioethik selbst wird als ``Ethik der Interessen''
bezeichnet (216). (zurück)
4 Ein einseitig
instrumentalistisches Verständnis von Bioethik
als einer ``Ethik der Interessen'' von Industrie
und Naturwissenschaft die einer ``Würde-Ethik''
(Fuchs 2000, 216) gegenübergestellt wird und
unter dem Verdacht steht Werte wie die Würde des
menschlichen Lebens abzulehnen, sei ausdrücklich
abgelehnt. Renée Krebs sieht die Bioethik als
eine ``eigens für die [biotechnische Medizin]
entwickelte Legitimationstheorie'' (191) an und
hält aber auch von der Ethik insgesamt heute nur
wenig, die sie nurmehr als ``Bestandteil von
Werbestrategien'' und ``leere Hülle'' begreift
(193). Das heißt nun nicht, dass die beobachtete
Einseitigkeit und Instrumentaliserung nicht
vorkäme, doch hat dies nichts mit Bioethik als
wissenschaftlicher Teildisziplin der Ethik zu
tun und würde sich im wissenschaftlichen Diskurs
ins Abseits stellen. Statt der Interpretationen
bei Fuchs und besonders bei Krebs ist meiner
Meinung nach für eine recht verstandene Bioethik
in Anspruch zu nehmen, dass sie wie alle
angewandte Ethik zwar erstens versucht
Verbindlichkeit dadurch zu begründen, dass sie
``den Unbedingtheitsanspruch der Moralität im
Zusammenhang mit der Moral bzw. dem Ethos einer
einzelnen Handlungswissenschaft auslegt''
(Pieper 2000, 93), dabei aber zweitens unter
allen Umständen Wissenschaftscharakter bewahrt,
also Transparenz- und Wahrhaftigkeitskriterien
befolgt. (zurück)
5 Vgl. besonders die
Ausführungen zum Humangenomprojekt (Kap. 2),
zu angeblich industriegeleiteter aber
steuerfinanzierter Grundlagenforschung
(32ff.), die Annahme, für Somatotropin und
Interleukine würden ohne therapeutischen
Nutzen eigene Märkte geschaffen (63ff.), die
Ausführungen darüber, dass Grundlagenforschung
zu genetischen Ursachen von Lungenkrebs von
der Tabakindustrie als Ablenkung von der
Gefahr des Rauchens finanziert wird (86), die
Bemerkungen über die Rolle von Embryonen als
wirschaftlich zu nutzender ``Rohstoff''
(148f.) und die angeblich rein
privatwirtschaftlichen Hintergründe der
Gendatenbanken auf Island und den
Färöer-Inseln (206ff.). (zurück)
6 Bekannte Forscherinnen und
Forscher wie Craig Venter (in Verbindung mit
Celera Genomics, 29ff.), Ernst-Ludwig
Winnacker (in Verbindung mit MediGene, 34f.,
169) und Christiane Nüsslein-Vollhard (in
Verbindung mit Bayer, 35) werden als
Beispiele für wirtschaftlich korrumpierte
Wissenschaftler genannt, Ludger Honnefelder
wird Multifunktionärstätigkeit in acht
verschiedenen Gremien aus reinen
Einflussinteressen unterstellt (221f.) und
Hans-Martin Sass gerät völlig
themenunabhängig als (ehemaliges) Mitglied
der Mun-Sekte in die Kritik (168, 213).
(zurück)
7 So schreibt Fuchs im
Rahmen einer Kritik der gentechnischen
Herstellung von Humaninsulin, mit der
Intention die Erkrankung Diabetes Mellitus
als primäre Wohlstandskrankheit unter
Absehung von ihrer genetisch bedingten
Herkunft zu erklären unter anderem: ``Die
Kombination von Fabrikzucker mit
Auszugsmehl bringt auf lange Sicht den
Insulinstofffwechsel zum Erliegen'' (58).
Diese Aussage ist durch medizinische
Erkenntnisse nicht gedeckt. Wenn auch noch
einiges an der Pathogenese des
insulinpflichtigen wie des
nichtinsulinpflichtigen und des TypI- wie
des TypII-Diabetes unklar ist, steht doch
fest, dass eine genetische Prädisposition
vorhanden sein muss. Vgl. zur Genese des
Diabetes Foster 1999, 2425ff. u. 2428f.;
für die Rolle, die die Ernährung bei der
Ernährung und der Therapie spielt
Biesalski et al 1995 303ff. Knappe,
patientengerechte Informationen
veröffentlicht unter vielen anderen bspw.
die Universität Düsseldorf im Internet
unter der Adresse
www.diabetes.uni-duesseldorf.de/wasistdiabetes.
(zurück)
8 Dazu kommt, dass sich
bei Beck eine Verkennung der
biologischen Grundlagen von
Krankheitsvererbung offenbart. Die
meisten Erbkrankheiten werden
heterozygot vererbt, sie kommen also nur
zum Ausbruch, wenn zwei Merkmalsträger
ihre rezessiven Allele vererben. Wenn
man das Genom eines beliebigen Menschen
untersucht, dürften in den allermeisten
Fällen Anlagen für irgendeine
Erbkrankheit zu finden sein. Schon das
ist ein Argument , das jegliche Eugenik
reiner Form ad absurdum führt. Um bspw.
die Mukoviszidose 'abzuschaffen', deren
Anlage bei 4% der Bevölkerung in
Deutschland in rezessiver Form im Genom
vorliegt, müssten 3,2 Millionen Menschen
... abgeschafft werden? (zurück)
Literatur:
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In: ders. (Hrsg.): Politik in der
Risikogesellschaft. 147-153. [urspr. in:
Der Spiegel 47/1988]
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Heinrich/ Kluthe, Reinhold/ Pölert,
Wolfgang/ Puchstein, Christian/ Stähelin,
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Stuttgart: Thieme.
Bullinger, Hans-Jörg (Hrsg.) (1994):
Technikfolgenabschätzung. Stuttgart: B.G.
Teubner.
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Isselbacher, Kurt J./ Wilson, Jean D./
Martin, Joseph B./ Kasper, Dennis L./
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(\textsuperscript{14}1999): Harrisons
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Hastedt, Heiner (1991): Aufklärung und
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Stuttgart: Urachhaus.
Mieth, Dietmar (2001): Die Diktatur der
Gene. Biotechnik zwischen Machbarkeit und
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Herder.
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Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse
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(Bochum
05/´02)